Gedanken kramen

Gedanken der Frau Rosa
Austausch

Und neulich…
suchte Frau Rosa Austausch. War, wie man heute so schön sagt, im Sinne der Vernetzung unterwegs. Sie hatte das erste Mal in ihrem Leben ein Blind Date. Obwohl es so blind nicht war. Ein Foto hatte sie schon gesehen.

Also ein Gesicht, ein nordeuropäisches Gesicht: diese Frau war, wenn man die Welt mal global betrachtete, aus derselben Ecke wie sie. Vielleicht aus der gleichen Stadt mit ganz ähnlicher Sozialisation? 

Ein Gesicht mittleren Alters.
Es könnte also sein, dass auch sie als kleines Mädchen durch die Straßen und Höfe getigert ist, in Lederhose mit 20 Pfennig im Latz für einen nötigen Anruf aus der Telefonzelle. Frau Rosa war als Mädchen am liebsten im Stadtpark unterwegs, hatte Höhlen gebaut und dort Fantasien gelebt. 18:00 Uhr war es damit vorbei, beim Läuten der Kirchenglocken, hieß es „ab nach Hause“ und in die Wirklichkeit.

Das Foto: ein höfliches, argloses Gesicht, grün im Hintergrund. Vielleicht war diese Frau naturverbunden. Jedenfalls ansprechend. Welche Geschichten würde sie erzählen können?

Frau Rosa ging neben ihrer Anstellung als Sozialpädagogin stundenweise einer selbstständigen Tätigkeit nach und wollte sich einen eigenen Kolleg:innenkreis aufbauen. Dafür war dieses Treffen ausgelegt. In welcher Rolle würde sie dorthin gehen, als vermeintliche Kollegin oder als Privatmensch Frau Rosa? Und welche Rolle spielten eigentlich Einstellungen zum Leben und die Weltanschauung? Wie wichtig war es für eine erste Begegnung hier klar zu sein?

Mittags verabreden auf einen Kaffee, ungezwungen, was kann schon passieren?

Auf dem Weg überlegte sie, wie das Treffen wohl verlaufen würde.

Ein kleiner, runder Gedanke machte sich auf ihrer Schulter breit: „Ihr habt kein Codewort ausgemacht. Wirst du das Gesicht überhaupt erkennen?“
Der Gedanke hatte eine blasse, gelbliche Farbe, wie ein alter Kiesel, der schon viel gesehen hatte. Wenn er sprach, vibrierte er leicht, ein kaum spürbares Surren, das sich über ihre Haut legte. Er war nicht unangenehm, eher wie ein sanftes Kätzchen, das sich bemerkbar machen wollte, ohne zu stören.

Frau Rosa wurde nervös. In Natur waren Gesichter oft ganz anders. Da sprach dann das echte Leben. Es sagte: ich bin bedürftig oder unglücklich oder dauerhaft verdrossen oder arrogant oder anmaßend. Das hatte sie schon manchmal erlebt und war immer wieder erschrocken. Also ist nur ein Foto doch ziemlich blind oder zumindest unklar. Wie wichtig doch der direkte Kontakt war, die Stimme, die Körpersprache.

Der Gedanke bohrte, begann nun Unbehagen auszulösen: „Was, wenn die Frau unsympathisch ist?“ Das ihr Körper schnell Signale für eine Entscheidung sendete, kannte Frau Rosa nur zu gut. „Wie viel Zeit würdest du dir geben, falls das erste Bauchgefühl ungut ist?“ Der Gedanke dehnte sich aus. Wie ein Tuch lag er nun über ihrer Schulter. „Schaff’ dir doch Sicherheit. Welche Fragen musst du stellen? Wie genau willst du dich abgrenzen, Frau Rosa? Was würdest du sagen, wenn du vorzeitig gehen wollen würdest?“

Nun war es erträglicher. Der Gedanke streckte sich und ließ etwas Luft an ihren Nacken. „Vielleicht wird es ja ein echter Austausch. Was würdest du tauschen wollen? Wie wertvoll müsste das sein? Und bekämst du was zurück? Brauchst du was zurück?“

Kurz bevor sie das Café erreichte, blieb Frau Rosa stehen. Ihre Hand glitt wie von selbst über den Kragen ihrer Jacke, als wollte sie prüfen, ob sie genug Halt hatte. Durch die Fenster sah sie Menschen, die gemütlich bei ihren Getränken saßen. Sie sprachen, lachten, schwiegen. Für einen Moment hielt sie den Atem an. Der kleine, runde Gedanke auf ihrer Schulter räusperte sich leise, als wolle er sagen: „Jetzt wird’s ernst.“ Sie lächelte und ging hinein.

Als sie sich von ihrer Gesprächspartnerin verabschiedete, war etwas entstanden.

Frau Rosa hatte einen Menschen kennengelernt. Eine Frau, schlank und sportlich gekleidet, mit braunen langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte einen schmalen Mund, der nicht so recht zu den Proportionen des Gesichtes passen wollte. Wenn er sich öffnete, kam zu Beginn immer ein kleines Zischen heraus, als wenn erst genug Raum für die Worte bereitet werden musste.

Im Wesen schien die Frau offen, freundlich, eigenständig und irgendwie erwachsen. Einmal, während sie sprach, strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Eine schnelle, fast nervöse Bewegung. Für einen Moment sah Frau Rosa darin eine Unsicherheit, die sie berührte. Vielleicht war die andere genauso gespannt auf dieses Treffen gewesen wie sie selbst. Neben ihrer Aufgeschlossenheit schien die Frau zugleich voller Zweifel zu sein, mit sorgenvollem Blick auf die Welt. Sie erzählten und erzählten.

Während des Gespräches hatte sich Frau Rosa genau beobachten können und eine kleine Wiederentdeckung gemacht. Normalerweise gab sie gern, ohne Neid und ohne Missgunst. Dennoch waren fast eifersüchtige Gefühle aufgekommen, als sie sich mit der Frage beschäftigte, eine bestimmte Information zu tauschen. Das kannte sie von früher, als sie Schülerin war.

Damals bat sie eine Klassenkameradin um Hilfe. Diese antwortete ihr mit einem Achselzucken: „Warum sollte ich dir sagen, wie’s geht?“ Dieser Satz hatte sich wie ein kalter Tropfen in ihr Inneres gebohrt. Seither war sie vorsichtiger.

Vielleicht war es dieser Tropfen, der sich jetzt wieder meldete.

Ja! Wissen ist Macht. Es kostete Frau Rosa Überwindung, mit der wertvollen Information rauszurücken, doch sie hätte sich schlecht und egoistisch gefühlt, es nicht zu tun. Ihre Gesprächspartnerin war sympathisch und der Tipp würde bestimmt auch für sie hilfreich sein.  Der Inhalt dieser Information gehörte nicht Frau Rosa allein.

Doch die Reaktion der Frau war unerwartet: eher distanziert, abwartend, zu wenig begeistert. Frau Rosa schoss das Blut in den Kopf, sie spürte Beschämt knabberte sie auf ihrer Unterlippe. Sie war von sich enttäuscht, wie pauschaliert sie gedacht hatte.

Der kleine, runde Gedanke saß auf ihrer Teetasse, wippte mit den Beinen und wisperte: „Etwas, was du als wertvoll erachtest, muss für andere lange nicht diesen Wert haben.“ Ging das wieder los. „Du musst wissen, welche Werte DU vertrittst und welchen Wert DU hast, dir DEINER SELBST bewusst sein.“ „Ja, ja!“ 

Dieser kleine, beständige Gedanke war ambivalent. Er konnte sie permanent unter Druck setzen, vervielfachte sich in rasender Geschwindigkeit und stellte sie auf die Probe. An anderer Stelle war er gar nicht erst da, ließ sie Oberwasser bekommen.

Erst mit den Jahren konnte sich Frau Rosa besser einordnen, fühlte sich etwas sicherer.

Jetzt, da er ausgesprochen war, wurde der Gedanke wieder leichter. Er rollte sich zusammen, fühlte sich warm und gemütlich an, wie ein kleiner Kiesel, der den Tag über in der Sonne gelegen hatte. Nicht mehr drückend, eher wie ein Begleiter, der sagt: „Ich bleibe bei dir, aber ich muss dich nicht beschweren.“

Am Ende war ein gutes Gespräch entstanden, auf Augenhöhe von gegenseitigem Interesse geprägt. Frau Rosa hatte ein kleines Stück Haltung erworben. Der Austausch über ihre Lebenswege und die Arbeit, stärkte ihr Bewusstsein, eine gute Richtung eingeschlagen zu haben.

Auf dem Heimweg kam ein zweiter Gedanke aus ihrer Handtasche geglitten. Er war still, klar, fast durchsichtig und schaute gemeinsam mit ihr durch ihre Brille. Im Takt ihrer Schritte schien er zu nicken. Als wolle er sagen: „Du bist okay, wie du bist.“

Letztlich hatte das Treffen diesen Gedanken hervorgebracht. Sie konnte sich hinterfragen, das war immer gut.

Und auch wenn sie es nicht wirklich brauchte. Es kam immer was zurück, wenn sie etwas gegeben hatte. In diesem Fall war es ein Stück Geschichte, an der sie teilhaben und in die sie mit hineindurfte.

Und da Frau Rosa Menschen und ihre Geschichten mochte, war das mehr als viel. Vielleicht, dachte sie, ist Austausch nie ein Tauschgeschäft, sondern ein Fenster, durch das man sich selbst ein Stück klarer sehen kann.

Autorin: Aline Kramer

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