Gedanken kramen

Grenzen setzen

Durch Begrenzung wird etwas wertvoll.

Können Sie gut Grenzen setzen?

Wir leben heute in einer Welt der Grenzenlosigkeit. Alles scheint möglich. Höher, schneller, weiter. Wir sollen flexibel sein, offen, erreichbar und belastbar. Aus meiner Sicht ist das allerdings nur scheinbar. Es ist ein Schein und zugleich äußerst ambivalent.

Denn Individualität, Gemeinschaft und Grenzenlosigkeit passen nicht so einfach zusammen.

„Individualität bezeichnet im weitesten Sinne die Tatsache, dass ein Mensch oder Gegenstand einzeln ist und sich von anderen Menschen beziehungsweise Gegenständen unterscheidet.“ (Quelle: Wikipedia)

Das bedeutet: Wir grenzen uns voneinander ab. Schon wenn wir „ICH“ sagen. Niemand sonst ist dieses ICH.

Gleichzeitig sind wir soziale Wesen und aufeinander angewiesen. Würden wir einander nicht haben, würden wir vielleicht nicht mehr sterben wie vor 10.000 Jahren, aber seelisch verwahrlosen würden wir allemal. Zugehörigkeit ist wichtig. Wir wollen mit anderen wirken, gestalten und verbunden sein. Ja, wir wollen gemocht werden.

Deshalb ist es oft gar nicht so leicht, sich zu orientieren, für die Gemeinschaft da zu sein, mitzuwirken, man selbst zu sein und sich zugleich abzugrenzen.

Was sind Grenzen überhaupt?

Da das Thema Grenzen etwas sehr Grundlegendes ist und Grenzsetzung so viele Menschen beschäftigt, möchte ich hier einen kleinen Impuls dazu geben.

Was sind Grenzen überhaupt? Ich würde sagen: Grenzen machen Identität erst möglich.

Eine Grenze sagt: Hier bin ich. Dort beginnt das Andere.

Wir kennen Grenzen aus nahezu allen Lebensbereichen.

  • Aus unserem Körper: Haut und Immunsystem schützen uns. 
  • Aus Beziehungen: Nähe braucht Distanz und Kontakt braucht Rückzug.
  • Aus Sprache: Ein Satz beginnt und endet. Nur dadurch entsteht Bedeutung.
  • Aus der Physik: Schwerkraft, Temperatur oder Geschwindigkeit. Alles hat Grenzen, die Wirkung erzeugen.
  • Aus der Natur: Sie folgt ihrem Rhythmus.
  • Aus der Zeit: Ein Tag hat 24 Stunden. Ein Leben hat einen Anfang und ein Ende.
  • Und aus uns selbst: Unsere Energie, unsere Aufmerksamkeit und unsere Belastbarkeit haben Grenzen, die uns Orientierung geben.

Grenzen sind überall.

Sie strukturieren die Welt und sie strukturieren uns.

Grenzen sind kein Hindernis. Grenzen sind Orientierung. Erst dadurch werden wir handlungsfähig.

Und Grenzen ermöglichen Begegnung. Nur wenn ich stabil bin, kann ich mich öffnen, mich verbinden und in echten Kontakt gehen.

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Rosa beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema. Er spricht von sogenannten „Hüllen“. Ein interessanter Gedanke dabei ist die Frage, wie durchlässig wir eigentlich sind, wie eng oder weit unser Aufmerksamkeitsfokus geworden ist und wie wir durch eine Art Weitwinkelaufmerksamkeit wieder ins Spüren, in Resonanz und in echte Verbindung kommen können.

Warum fällt Grenzen setzen so schwer?

Aber wie entsteht eigentlich das Problem, keine Grenzen setzen und nur schwer NEIN sagen zu können?

Wie Sie sicherlich wissen, liegt auch hier ein Teil der Antwort in unserem Erfahrungsschatz. Die Ursache findet sich häufig in unserer Kindheit oder Jugend. Oft sind es Erlebnisse, in denen uns unsere Fähigkeit zu denken, wahrzunehmen oder zu urteilen abgesprochen wurde.

  • „Das verstehst du nicht.“
  • „Du weißt gar nichts.“
  • „Wenn du größer bist, wirst du schon sehen, dass ich Recht habe.“
  • „Werde erstmal erwachsen.“

Sicher kennen Sie einige dieser Sätze.

Ziemlich schnell beginnen wir an uns selbst zu zweifeln und glauben, andere wüssten es meistens besser. So entstehen innere Konflikte.

Wir lernen früh, uns bestimmten Situationen anzupassen und entwickeln Verhaltensweisen, die uns helfen, dazuzugehören und Konflikte zu vermeiden.

Die inneren Konflikte hinter dem Thema Grenzen

Was sind das eigentlich für Konflikte? Hier einige Beispiele in Ich-Form. Vielleicht können Sie erspüren, welche Aussage etwas in Ihnen bewegt:

  • Mein Leben gehört mir.
  • Ich darf mich ernst nehmen.
  • Ich habe Grenzen.
  • Es müssen mich nicht alle mögen.
  • Ich bin nicht für alles zuständig.
  • Es darf mir richtig gut gehen.

Wundern Sie sich? Diese Aussagen klingen doch eigentlich positiv. Ja, genau.

Doch wenn Sie diese Sätze wirklich ernst nehmen, erfordern sie ein hohes Maß an Konsequenz. Vor allem im Umgang mit anderen Menschen.

Viele Menschen verspüren ein großes Unbehagen, wenn sie sich abgrenzen sollen. Haben Sie Sorge, abgelehnt zu werden? Sich unbeliebt zu machen? Ausgegrenzt zu werden? Kennen Sie den Gedanken, eine Beziehung könnte durch Ihr NEIN Schaden nehmen?

Drei Arten, Grenzen zu setzen

Die Art und Weise, wie wir Grenzen setzen, ist sehr unterschiedlich. Im Wesentlichen lassen sich drei Abgrenzungsstile beobachten.

1. Sehr durchlässige Grenzen

Menschen mit sehr durchlässigen Grenzen sagen selten Nein, geben schnell nach, teilen viele persönliche Informationen und übergehen häufig ihre eigenen Bedürfnisse. Nähe entsteht schnell. Manchmal zu schnell. Konflikte werden meist durch Nachgeben gelöst.

2. Halbdurchlässige Grenzen

Dies ist ein gesunder und flexibler Stil. Diese Menschen können klar Nein sagen, bleiben dennoch beweglich, kommunizieren eindeutig und stehen zu ihren Werten. Nähe wird bewusst gewählt. Konflikte werden durch Kompromisse gelöst.

3. Sehr undurchlässige Grenzen

Hier steht der Selbstschutz stark im Vordergrund. Diese Menschen sagen häufig Nein, priorisieren ihre eigenen Bedürfnisse stark, halten Distanz und geben wenig von sich preis. Vertrauen entsteht eher langsam. Konflikte werden häufig durch Durchsetzen gelöst.

Keiner dieser Stile ist grundsätzlich falsch. Es sind Muster, die wir gelernt haben. Sie speisen sich aus unseren Erfahrungen, Werten und Überzeugungen. Wichtig ist, dass wir erkennen, wann uns diese Muster schützen und wann sie uns im Weg stehen.

Sie wollen lernen sich abzugrenzen, angemessen zu reagieren und NEIN zu sagen? 

Die häufigsten Fehler beim Grenzen setzen

Versuchen Sie manchmal Nein zu sagen und irgendwie funktioniert es nicht?

Dann schauen Sie einmal, ob Sie sich hier wiederfinden:

  • Sie sagen sehr leise, dass Sie etwas nicht möchten.
  • Sie formulieren unklar und verwenden häufig das Wort „eigentlich“.
  • Sie entschuldigen sich, wenn Sie eine Bitte ablehnen.
  • Sie rechtfertigen sich ausführlich.
  • Sie erfinden Notlügen.
  • Sie hoffen, der andere müsste doch eigentlich merken, dass Sie nicht wollen.

Diese Verhaltensweisen stammen oft aus unbewältigten Beziehungserfahrungen. Und zunächst waren sie einmal die besten Lösungen, die Ihnen zur Verfügung standen. Wir versuchen lieber eine vermeintliche Harmonie aufrechtzuerhalten, als einen Konflikt zu riskieren. Das funktioniert oft erstaunlich gut. Sie gelten als freundlich, hilfsbereit, kollegial und unkompliziert. Sie sind gern gesehen. Sie haben immer ein gutes Wort. Eine oder einer muss es ja machen. Sie haben gelernt, nicht zu enttäuschen, nicht egoistisch zu sein und vor allem ein „guter Mensch“ zu sein.

Kennen Sie das?

Was passiert, wenn Sie kein Nein sagen?

Wenn Sie genauer darüber nachdenken, passiert durch ein Nein meistens nichts Schreckliches. Andere Menschen sagen schließlich ebenfalls Nein. Dann sucht man eben nach Alternativen. Und etwas sehr Wichtiges geschieht: Sie sagen, was Sie möchten. Und es ist sehr gut möglich, dass Sie genau dadurch ernst genommen werden.

Schauen wir umgekehrt darauf, was passiert, wenn Sie sich keine Grenzen setzen:

  • Ihre Bereitschaft wird schnell zum erwarteten Standard.
  • Die Hoffnung, dafür aufrichtig gemocht zu werden, erfüllt sich oft nicht.
  • Andere nutzen Ihr Entgegenkommen aus, meist nicht einmal bewusst.
  • Ihre Meinungen und Bedürfnisse werden leichter übersehen.
  • Sie gelten möglicherweise als Ja-Sager.
  • Sie verlieren mit der Zeit Respekt und werden weniger ernst genommen.
  • Sie tun Dinge, die Sie eigentlich gar nicht möchten.
  • Sie werden gereizter und erschöpfter.
  • Sie verlieren Kraft und Lebensfreude.
  • Das Risiko für Überforderung und Burnout steigt.

Ein kleines Experiment

Suchen Sie sich eine ruhige Minute. Setzen Sie sich bequem hin. Atmen Sie. Beobachten Sie Ihre Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen. Sagen Sie sich langsam folgende Sätze:

  • Ich kann mich gut durchsetzen.
  • Ich darf meine Meinung sagen.
  • Ich darf jederzeit Nein sagen.
  • Konflikte machen mir keine Angst.
  • Ich kenne meine Grenzen.
  • Ich bin für die Erwartungen anderer nicht verantwortlich.
  • Ich darf andere enttäuschen.
  • Ich muss nichts beweisen.

Gab es eine Regung? Egal ob angenehm oder unangenehm. Wenn Sie eine deutliche Reaktion wahrnehmen, könnte das ein Hinweis auf einen inneren Konflikt sein. Lassen Sie die Aussagen nachwirken. Welche Themen berühren Sie besonders? „Mein Leben gehört mir.“ Oder vielleicht: „Es müssen mich nicht alle mögen.“

Gehen Sie in die Eigenverantwortung

Beobachten Sie Situationen, in denen Ihnen Abgrenzung schwerfällt.

  • Lernen Sie sich kennen und begegnen Sie sich freundlich.
  • Nehmen Sie Ihre Gefühle ernst.
  • Gewinnen Sie Klarheit darüber, was Sie wirklich möchten.
  • Sagen Sie, wenn Ihnen etwas nicht guttut.
  • Formulieren Sie möglichst klar.
  • Erlauben Sie sich Bedenkzeit.
  • Lernen Sie damit zu leben, dass Sie nicht von allen gemocht werden.
  • Erinnern Sie sich daran: Die Grenzen anderer Menschen sind nicht automatisch Ihre Grenzen.
  • Nur Sie selbst können Ihre Grenzen setzen.

Grenzen setzen heißt nicht Härte. Es bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen. Abgrenzung bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie klar zu kommunizieren.

Kleine Übungen für den Alltag

Achten Sie bei alltäglichen Tätigkeiten auf Ihre Grenzen. Spüren Sie nach.

  • Beim Essen: Wann stellt sich ein Sättigungsgefühl ein?
  • Beim Fernsehen: Wann ist das, was Sie anschauen, eigentlich gar nicht mehr interessant oder wertvoll für Sie?
  • Im Zusammensein mit anderen Menschen: Wann wird es Ihnen zu viel?

Wo könnten Sie noch üben?

Ein Gedanke zum Schluss

Ich habe schon immer Menschen bewundert, die klar und deutlich sagen konnten, was sie wollten, die sich abgrenzen konnten und deren Ja und Nein verlässlich war. Das war nicht immer bequem für mich, aber es war eindeutig. Und letzten Endes habe ich mich bei diesen Menschen sicher gefühlt.

Ihnen war und bin ich zugeneigt. Wie ist das bei Ihnen?

Denken Sie daran: Durch Ihre Grenzen werden Sie wertvoll.

Wie immer freue ich mich über Ihr Feedback zu diesem Beitrag und auf ein reges Gedankenkramen mit Ihnen. Alles Gute!

Ihre Aline Kramer

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  1. Danke für die realitätsnahen Beispiele. Gut zum „Üben“.
    Das Nein fällt mir bisher auch schwer… Ich probiere es jetzt aus!
    Liebe Grüße

    1. Dann drücke ich die Daumen!! Mit eher leichten Situationen anfangen macht übrigens mehr Spaß, weil es erfolgversprechender ist… und dann kann man sich steigern ? Ich bin gespannt und freue mich über Berichte…

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