Wie Sie in 5 Schritten Erwartungen klären. 

Viele Dinge im Zusammenleben werden nicht direkt kommuniziert. Wir glauben, es müsste doch so oder so sein, wir vermuten. Unausgesprochene Annahmen bringen uns sogar dazu, eigene Ideen oder Bedürfnisse zurückzustellen. Vielleicht weil wir nett sein wollen, gern Wünsche erfüllen wollen, einfach nur auf Ruhe hoffen oder ähnliches. Manchmal klappt das auch. Dennoch ist die Chance Missverständnisse herzustellen sehr groß. Zwei Beispiele aus meiner Praxis:

Herr X. erzählte von seiner Arbeit: „Die Projektteams werden je nach Arbeitsinhalt zusammengesetzt. Es entstehen also ständig neue Konstellationen. Immer wieder ist es äußerst mühsam, auf einen grünen Zweig zu kommen. Jeder arbeitet anders. Furchtbar! Können nicht einfach alle normal arbeiten?“

Frau Y. erzählte von ihrem Urlaub: „Wir fuhren nach Italien, nur zwei Stunden Autofahrt von Rom entfernt, an den schönsten Strand der Südtoskana. Es war schrecklich. Dabei hatten wir den Urlaub bitternötig und uns so gefreut. Der neue Bikini sollte zum Einsatz kommen, ich wollte mal wieder lesen und so richtig relaxen. Das Wetter spielte mit, aber mein Mann nörgelte nur rum. Sie müssen wissen, er ist ein Geschichtsfreak und sehr sportlich. Ich wollte am Strand liegen, gern den ganzen Tag. Er wollte unterwegs sein, wandern, sich bewegen und, nicht nur einmal, nach Rom. Irgendwie ist das immer so… .“

Was haben beide Beispiele gemeinsam?
Unklarheit schafft zumeist Unsicherheit oder Unmut. Hier geht es ganz offensichtlich um unterschiedliche und vor allem unausgesprochene Erwartungen.

Schauen wir uns das näher an:
Menschen kommen zusammen in verschiedensten Situationen, auf der Arbeit, in der Familie, in der Freizeit oder in anderen Kontexten. Natürlich bringt jeder ganz individuelle Ideen, Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen mit. Eberhardt Stahl* nennt das den persönlichen Zielpool. Dieser prägt die Situation. Es kann sehr verwirrend sein, wenn das was man vom Außen erwartet gar nicht eintritt. Vielleicht verhalten sich die andere Menschen nicht entsprechend, vielleicht gibt es andere Abläufe und Regeln, vielleicht ist die Art und Weise der Sprache völlig konträr zu Ihrer eigenen Vorstellung. Wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden sind wir enttäuscht, traurig, sauer, wütend, genervt oder verunsichert.

Selbstverständlich gehören zum Zielpool auch Erwartungen nach Innen, an uns selbst. Und oft nicht zu knapp: Ich muss erfolgreich sein. Ich muss eine gute Mutter/Vater sein. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich muss professionell auftreten. Ich muss kollegial sein. … Kennen Sie das? Unsere Erwartungen beeinflussen Entscheidungen und prägen unsere Verhaltensweisen. Erfüllen wir diese selbst gesteckten Erwartungen nicht, fühlen wir uns belastet und blockiert.

Jedenfalls kommen alle mitgebrachten Ideen, Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen in einen Gruppenpool. Sie berühren sich, stören sich, passen gut zusammen, harmonieren oder behindern sich. Um handlungsfähig zu sein, ist die Aufgabe aus all diesen Erwartungen ein gemeinsames Gefüge herzustellen, einen Schwarm zu formen. Das kann ein längerer Prozess sein.

Aber woher kommen sie, diese Erwartungen?
Nun, sie übersetzen, was uns wichtig ist, worauf es in unserem Leben ankommt. Erwartungen haben also mit unseren Werten, Glaubenssätzen und unserer persönlichen Kultur zu tun. Wie verhält man sich? Welche Regeln muss man einhalten? Wie redet man mit anderen? Wann nimmt man Mahlzeiten ein? Wie strukturiert man sich? Wie ordentlich und pünktlich muss man sein? und so weiter. Die Ursprünge liegen in der Familie, der Schule, der Gesellschaft und in dem sozialen Gefüge, in dem man sich bewegt.

Um sich im Innen und Außen wohl zu fühlen und wirksam zu sein, können wir erforschen, welche Erwartungen wirklich unsere eigenen und welches fremde sind.

Wie Sie in 5 Schritten Erwartungen klären.

Für diese Übung brauchen Sie Papier und drei Stifte, auf jeden Fall rot und grün.

Schritt 1

Ergänzen Sie folgende Satzanfänge. Schreiben Sie einfach alles, was Ihnen einfällt auf. Nutzen Sie die Satzanfänge gern häufiger. Bitte bewerten Sie nichts. Wenn Ihnen nicht sofort etwas einfällt, bleiben Sie trotzdem mit Ihren Gedanken bei der Übung. Die wesentlichsten Erkenntnisse kommen häufig am Schluss. Nehmen Sie sich ca. 10 min Zeit dafür.

  • Ich muss …
  • Ich sollte …
  • Ich darf nicht …
  • Ich bin verpflichtet …
  • Ich bin ein guter Mensch, wenn ich …

Sehr gut gemacht! Jetzt dürften Sie schon eine Menge Erwartungen aufgeschrieben haben.
Und nun wird es aufschlussreich!

Schritt 2

Als nächstes sortieren Sie Ihre Erwartungen.

  • Mit einem grünen Punkt kennzeichnen Sie Ihre ganz eigenen Erwartungen. Die, die sich gut anfühlen und beschreiben, was für Sie wichtig ist. Also die ganz von innen kommen.
  • Mit einem roten Punkt kennzeichnen Sie alle Erwartungen, die unangenehmen Stress auslösen, bei denen Sie den Eindruck haben, dass sie Ihnen aufgedrückt wurden oder werden und wo sie automatisch denken „Das macht man so.“.

Gehen Sie den Erwartungen auf den Grund, sieben Sie kräftig durch. Das ist ein schwieriger Schritt.
Eine hilfreiche Frage dabei ist: Wie würden Sie handeln, wenn Sie ganz allein wären und Sie niemand bewerten würde?

Schritt 3

Nun versuchen Sie eine Balance herzustellen.
Nehmen Sie ein neues Blatt und malen Sie zwei konzentrische Kreise. Im Innenkreis steht das Wort „ICH“, im Außenkreis das Wort „ANDERE“.

  • Schreiben Sie in den Innenkreis ihre Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche. Vor allem, was kommt zurzeit zu kurz?
  • Schreiben Sie in den Außenkreis die Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche der Anderen, Ihres Umfeldes, Ihrer Familie. Alles, was Sie als Fremderwartung herausgefiltert haben und erfüllen sollen. Vor allem, was ist Ihnen zur Zeit zu viel?
  • Stimmt die Balance zwischen Innen und Außen? Überfordert Sie das Außen? Wie ist Ihr Gleichgewicht? Ist das Verhältnis richtig für Sie?
  • Wie könnten Sie Ihr Gleichgewicht verbessern? Was genau bräuchten Sie dafür?
  • Schreiben Sie 1-3 konkrete Handlungsschritte für die nächsten 4 Wochen auf.

Schritt 4

Malen Sie abermals zwei konzentrische Kreise. Geben Sie Ihrem Innenkreis diesmal die ideale Größe, die Sie sich zukünftig wünschen.  Welche wichtigen Erwartungen und Bedürfnisse wollen Sie leben? Schreiben Sie ins Außen nur für Sie leistbare Erwartungen. Welche Möglichkeiten haben Sie, langfristig Balance herzustellen.

Schritt 5

Üben Sie fremde Erwartungen immer mehr loszulassen.
Befragen Sie sich zu den Erwartungen und reflektieren Sie kontinuierlich: Sind Sie wirklich 100% sicher, dass diese Erwartung richtig ist? Welche Argumente könnten dagegen sprechen? Was wäre das Positive, wenn ich diese Erwartung nicht mehr hätte?
Tun Sie das mehrere Wochen. Sie bekommen ein Gefühl dafür, was zu Ihnen gehört und was nicht, was Sie leisten können und wollen und was nicht.
Dadurch verlieren so manche Erwartungen ihre Mächtigkeit.

Diese eine Übung ist zur Selbstreflexion, die Sie allein machen und die sehr hilft eigene und fremde Erwartungen einzuordnen und abzugleichen.

Erwartungsmanagement

Eine andere Möglichkeit bietet das Erwartungsmanagement. Es geht um einen Abgleich von Erwartungen zwischen mehreren Personen und die Möglichkeit, Kompromisse zu finden. Drei wichtige Punkte gehören hier zusammen.

  1. Klare Kommunikation sorgt für realistische Erwartungen
  2. Transparenz verhindert Überraschungen
  3. Konstruktives Nachfragen vermeidet Missverständnisse

Herr X. konnte zunächst für sich selbst klären, was er unter „normalem“ Arbeiten versteht. Gerade im Arbeitskontext ist Erwartungsmanagement unerlässlich. Er konnte vor Beginn eines Projektes, alle an einen Tisch bringen, Erwartungen transparent machen und so auf ein realistisches Maß bringen. Im Gespräch wurde geklärt, welche Ergebnisse es geben soll, wer welche Motivation hatte und wie eine fruchtbringende Arbeitsweise aussehen könnte. Das half Enttäuschungen und Ärger zu vermeiden und förderte ein produktives, entspanntes Arbeitsklima.

Frau Y. hat vor dem nächsten Urlaub mit Ihrem Mann besprochen, wie die Vorstellungen und Erwartungen sind. Es hat sogar Spaß gemacht, sich gemeinsam auszumalen, wie es werden wird. Sie konnten ganz konkret Tagesabläufe besprechen und schon im Vorfeld Kompromisse schließen. „Es war toll und wir voller Vorfreude.“ erzählte Frau X. Der Urlaub war wesentlich entspannter.

Gehen Sie nicht davon aus, dass „schon alles klar“ ist. Sorgen Sie in Ihrem eigenen Interesse dafür, dass Erwartungen rechtzeitig geklärt werden. Pflegen Sie aktives Erwartungsmanagement. Es ist für alle wertvoll!

Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen.

Johann Wolfgang von Goethe

Wie immer freue ich mich über ein Feedback zu diesem Beitrag und ein reges Gedankenkramen mit Ihnen.

Alles Gute!
Ihre Aline Kramer

Literaturhinweise: *Eberhardt Stahl „Dynamik in Gruppen“ 2005
© Cornelsen Verlag, Berlin • Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende