Gedanken kramen

Gedanken der Frau Rosa
Sichtweisen

Und neulich….

hatte sich Frau Rosa angemeldet. Eigentlich wollte sie nicht, hatte es dann aber, Ihrer Freundin Katrin zuliebe, doch getan. Katrin bettelte schon seit zwei Jahren. Sie kannten sich seit ihrem Studium, hatten eine Menge gemeinsam erlebt und eine recht innige Beziehung. Nur deshalb tat ihr Frau Rosa den Gefallen. 

Katrin hatte, im Gegenteil zu Frau Rosa, das BWL Studium beendet und arbeitet nun bei einem großen Automobilhersteller. Seit einer ganzen Weile beschäftigte sie sich mit Meditation und war dort in einer Selbsterfahrungsgruppe mit anderen Frauen. „Das ist zum Ausgleich.“ pflegte Katrin zu sagen. Frau Rosa fand, dass Katrin nicht sonderlich ausgeglichener war, aber das war ja ihre Sicht.

Nun gab es also eine Wochenendmediationsreise an die Ostsee. 3 Tage. Das Motto war: „Mit Luft und Liebe“! Wenn das Programm ihr nicht so sehr zusagte, konnte Frau Rosa immer noch am Strand wandeln, atmen und den Kopf frei kriegen. So ihr Gedanke, den Sie auf diese Reise mitzunehmen gedachte. Es war einer ihrer entspanntesten Gedanken. Er war hübsch anzusehen, klein wie eine Murmel, schimmerte bläulich, war bescheiden, zierlich, mit einem versonnenen Lächeln auf den Lippen, im Grunde eher zurückhaltend und dennoch solide.

Als Frau Rosa mit Katrin in dem kleinen Küstenort ankam, fühlte sich alles richtig an. Das Wetter war rau, dennoch nicht kalt, die Luft klar und salzig - also ganz ausgezeichnet.

Sie trafen die anderen Frauen im Aufenthaltsraum. Insgesamt waren sie zehn Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Frau Rosa und 2 andere Frauen waren das erste Mal dabei. Das Programm schien recht straff. Kurz frisch machen, dann eine erste Interaktion zum Ankommen und Kennenlernen am Strand.

Sie warfen sich einen Ball zu und mussten den Namen der Fängerin benennen. Frau Rosa hörte leider schwer und hatte außerdem schon immer Angst vor Bällen. Durch den Wind hatte sie nicht alle Namen verstanden. Jedenfalls war sie froh, als das Spiel vorüber war.

Eine rothaarige Frau mittleren Alters war die Chefin und erzählte etwas von Luft und Liebe und wie die Elemente zusammenhingen. Und dass die Liebe ihr fünftes Element war. Frau Rosa musste gleich an Leeloo aus dem Film „das fünfte Element“ denken. Ja, sie hätte die Tochter der Chefin des Kurses sein können.

Nun wurde gewandert oder nein die Aktion hieß „Gefühlsbewegung“. Sie machten einen Strandgang und redeten über dies und das. Frau Rosa fand es interessant, die Geschichten der Frauen zu hören.

Eine erzählte von Streitigkeiten in ihrer Familie, lies kein gutes Haar an ihrem Mann und vielen anderen Verwandten.

Frau Rosa hatte mal gelesen, dass es kaum möglich war, dass nur einer die Verantwortung für das Scheitern von Beziehungen haben konnte. Der Gedanke tat sanft hinzu:  Alles hing doch wohl zusammen und jeder tat das seine oder ihre dazu. Es war eine Frage der Sichtweise, der Perspektive. Ein kluger Gedanke, allerdings behielt sie ihn lieber für sich.

Trotzdem setzte er sich zu ihr in die Blusentasche. Aus der Murmel war eine Kugel geworden, ungefähr faustgroß. Seine blaue Oberfläche blieb nie gleich. Ständig wechselten Bilder darauf. Mal sah Frau Rosa einen Streit. Dann ein schweigendes Abendessen. Dann Menschen, die aneinander vorbeilebten. Sie schüttelte mit dem Kopf. "So einfach kann das doch gar nicht gewesen sein.“

Der blaue Gedanke mochte keine einfachen Erklärungen. Immer wenn jemand sehr sicher war, dass alles genau so und nicht anders gewesen war, wurde er unruhig. Er stellte keine Gegenbehauptungen auf. Er legte nur weitere Bilder daneben.

Eine andere Frau erzählte von einer neuen Kollegin und wie schwer es sei, diese Kollegin anzunehmen. Sie sprachen über Vielseitigkeit und wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen wurden.

Die Chefin sagte, dass es für Teams und vor allem der Führungsebene eine wichtige Aufgabe sein sollte, eine Willkommenskultur zu entwickeln.

Da erschien ein zweiter Gedanke. Er war deutlich schwerer und bestand fast nur aus Ecken. Er setzte sich mit verschränkten Armen in den Sand. "Manche Menschen sind eben schwierig", sagte er. Mehr sagte er zunächst nicht. Der blaue Gedanke rückte etwas näher, auf seiner Oberfläche erschienen neue Bilder. Eine Frau am ersten Arbeitstag, ein leerer Schreibtisch, ein Raum voller fremder Gesichter. Der kantige Gedanke betrachtete die Bilder eine Weile und eine seiner Ecken wurde ein kleines bisschen runder. Frau Rosa musste schmunzeln. Manchmal genügte schon eine andere Sichtweise.

Hier in der Gruppe fühlte sich Frau Rosa recht willkommen. Es ging ja um „Gefühlsbewegungen“ und die hatte sie. Ihren Gedanken war weich und wohl.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages versammelten sich die Frauen am Strand. Es war sonnig, aber ziemlich kalt. Das Wasser hatte 11°C. Die Wellen liefen unermüdlich auf den Strand zu. Sie schäumten aufgebracht, offenbar, weil es ihnen nicht gelang, wirklich anzukommen. Die Chefin rief zum Anbaden.

Sofort sprang der kantige Gedanke auf. "Auf gar keinen Fall, was für ein Unsinn. Frieren, um sich selbst zu finden. Niemals!" Frau Rosa fröstelte. Auf der Oberfläche des blauen Gedanken schimmerten Fragezeichen und dann sein Lieblingswort: "Vielleicht?"

Auch Katrin wehrte sich und einige andere Frauen maulten auch, aber es nutzte nichts. Wenn die Dynamik erstmal läuft…

Alle Frauen rannten nackt und kreischend ins Meer. Frau Rosas Gedanken rutschten weg und versanken mit aufgerissenen Augen im Meer. Es war eiskalt! Im Grunde starb sofort jedes Körperteil, der mit dem Wasser in Berührung kam ab. Sie kreischten dieses Stressmoment einfach weg.

Danach fühlte sich Frau Rosa seltsam befreit. Sie dachte an nichts mehr. Also auch eine Form des: zu sich Kommens. Als sie ihren Gedanken suchte, schlief dieser ruhig und entspannt in ihrer Rocktasche. Alles gut!

Die Gruppe saß im Kreis, alle hatten nach dem Abtrocknen nur ihre Röcke oder Hosen angezogen. Die Brüste blieben nackt. Frau Rosa war etwas beschämt, aber niemand schien auf ihre doch recht kleine Brust zu achten. Sie wiegten sich und sangen.

Am Vorabend war die Chefin noch durch die Zimmer gekommen und hatte einen Text ausgeteilt. „Schaut euch das an, lasst es wirken und lernt es bitte bis morgen.“ Es war ein Kanon. „Wir sind Kinder einer Erde. Wir gehören alle zur selben Herde. Uhuhu… Wir bestimmen, was daraus werde. Wir entscheiden, über die Erde. Uhuhuh…“

Die Chefin schlug eine warme Trommel dazu. Der Wind trug den Gesang und den Trommelschlag lau über das Meer. Die Wellen schienen besänftigt.

Der Kanon gab eine gewisse Ordnung vor: wer beginnt wann mit den Zeilen, so dass eine Mehrstimmigkeit entsteht und sich wie eine organische Substanz anfühlt. Interessant war, wie unterschiedlich streng diese Ordnung genommen wurde und dass auch aus der vermeintlichen Unordnung interessante Klänge entstanden.

Und dann waren die drei Tage wie im Flug vergangen.

Frau Rosa nahm viele Impulse und Geschichten mit. Während der Heimfahrt saßen beide Gedanken noch bei ihr. Der kantige war inzwischen deutlich weicher geworden. Er hatte seine Ecken nicht verloren. Aber zwischen ihnen war Platz entstanden.

Am Eindrucksvollsten war allerdings der zarte blaue Gedanke.

Er wirkte zufrieden. Seine Oberfläche bestand aus lauter kleinen Bildern, Erinnerungen, Erfahrungen und Geschichten. Manche passten zusammen. Andere widersprachen sich. Und trotzdem hatten sie alle ihren Platz.

Gütig und trotzdem bestimmt meinte er:

„Hast du die Frauen gesehen? Jede hat ihre eigene Wirklichkeit. Alles, was passiert, wird ganz unterschiedlich wahrgenommen. Das hat mit Erfahrungen, Bildern und Assoziationen zu tun. Und daraus ergeben sich viele Sichtweisen und Wahrheiten.“

Während er sprach, wanderten die kleinen Bilder über seine Oberfläche.

„Der Mensch kann doch, zumindest in unseren Breitengraden, selbstwirksam sein. Du bist also selbst dafür zuständig. Du darfst dir deine Haltung entwickeln und diese mit allem Für und Wider verantworten. Wenn das mal kein Geschenk ist.“

Frau Rosa schaute aus dem Fenster. Sie hatte das Gefühl, dass Menschen eine Menge Kraft verheizten, wenn sie unbedingt entscheiden wollten, welche Sichtweise die einzig richtige war. Vielleicht musste man manches gar nicht entscheiden. Vielleicht genügte es schon, die verschiedenen Wirklichkeiten wahrzunehmen.

Sie waren ja ohnehin da.

Und mit diesem Gedanken fühlte sich Frau Rosa ganz gemäß dem Motto der Reise: voller Luft und Liebe.

Autorin: Aline Kramer

Hier können Sie Ihren Kommentar hinterlassen.

Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
Insert Content Template or Symbol

Diese Webseite wurde mit viel Liebe zum Detail erstellt. Von Marketing-Brand.