Ist das wahr?
Wie Erinnerungen und alte Muster
unser Denken formen

„Wir erinnern uns nicht an Tage, wir erinnern uns an Momente.“
Cesare Pavese
Erinnerungen
„Was sehen wir heute? Das Meer, schon wieder das Meer!“ Vielleicht erinnern Sie sich an diese herrliche Szene im Film „Robinson Junior“? Als Kinder haben wir uns gekringelt vor Lachen.
Mein „Schon wieder das Meer“, die Wiederholungen in meiner Kindheit waren zumeist an Personen gebunden.
Unsere Mutter hat uns sehr regelmäßig aus Grimms Märchen vorgelesen. Im Inhaltsverzeichnis gab es eine Strichliste für bereits gelesenes. Lieblingsmärchen hatten viele Striche, andere gar keine.

Außerdem war sie großartig darin uns die „Aktuelle Kamera“, das Nachrichtenmagazin der DDR, vorzutanzen. Der Sprecher erzählte, sie tanzte die Inhalte. Das war sehr lustig für uns.
Mit unserer Oma spielten und sangen wir sehr viel. Während sie die Karten für das nächste Rommé Spiel ausgab, sang sie immer das gleiche Lied, wir grölten mit. Leider konnte sie nicht gut verlieren und warf schon mal die Karten durch den Raum, vor Ärger. Auch das prägt.
Die kleinen Sportfeste, die unser Vater für uns ausdachte, waren legendär. Am Ende stelzte er im Krebsgang durch den Garten. Wir durften als Sieger auf seinem Bauch reiten. Auch Fratzen machen wurde sehr ernst genommen. Manchmal übten wir den ganzen Nachmittag neue und alte Fratzen.
Was für eine wertvolle Zeit miteinander. Nostalgisch, wiederholend, aber wie ich finde, gleichzeitig tiefgründig. Es sind nicht nur Gewohnheiten, sondern auch emotionale Anker für die Beziehung zu dieser Person.
Welche immer wiederkehrenden Erfahrungen haben Sie gemacht? Z.B. Ermahnungen oder Weisheiten von Erwachsenen, ein Buch, das etwas ausgelöst hat, regelmäßige Spaziergänge immer gleiche Wege mit identischen Gesprächen, Bräuche bei Feierlichkeiten, Regeln beim Essen und vieles mehr. Haben Sie die Bedeutung immer gleich verstanden, einordnen können oder erst als Erwachsene in ihrer Tiefe verstanden?
Oft wird erst später bewusst, wie wertvoll Rituale waren und wie sie das Empfinden für Heimat und Sicherheit prägten. Heute können Sie schauen, welche dieser Erfahrungen haben Sie geprägt. Welche Glaubenssätze sind aus ihnen entstanden? Und wie können Sie diese heute neu betrachten?
Erfahrungen
Vor einigen Jahren begleitete ich ein Leitungsteam im Wandel. Die junge Leiterin beklagte im ersten Sondierungsgespräch, dass es schwer für ihr Leitungsteam war, frische Denkansätze zuzulassen. Es gab keine Flexibilität, weil immer von denselben Annahmen ausgegangen wurde. Sie wollte aber Innovation statt Stagnation.
Als ich nach der Geschichte fragte, erfuhr ich den Anlass, der alles andere als einfach war.
Ein heftiger Unglücksfall hatte die Organisation erschüttert. Die bisherige Führungskraft war bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen. Ein Schock für den gesamten Träger. Die Folge waren Unsicherheiten, Fragen, Ängste, Dienst nach Vorschrift, Leere, Stillstand.
Einige Wochen später nun übernahm die junge Frau die Leitung – jung, engagiert, voller Ideen. Sie war nicht neu im Träger, kam aus den eigenen Reihen und hatte Mut gefasst, diesen Schritt in die oberste Leitung zu tun.
Nun sollte das Führungsteam zusammenwachsen und den neuen Weg gemeinsam gestalten. Wie sollte das gehen?
Bisher hatte niemand die Trauersituation aufgearbeitet. Die neue, junge Chefin hatte das Erbe der Verstorbenen im Rucksack. Das war ihr nicht bewusst.
Deshalb plante ich zu Beginn des Tages einen Rückblick. Beim sichtbar Machen der Geschichte, entstand ein beeindruckendes Bild: Eine Timeline, gezeichnet aus den individuellen Erfahrungen. Jede Führungskraft trug ihre Stationen ein – wann sie ihre Rolle übernommen hatte, welche Meilensteine, Veränderungen und Herausforderungen sie geprägt hatten. Persönliche und berufliche Höhen und Tiefen fügten sich zu einer gemeinsamen Geschichte. Sie erzählten sich auch, wo sie zu dem Zeitpunkt waren, als sie vom Unfall der verstorbenen Chefin erfuhren, was sie fühlten, was sie taten.
Als die Linien sich überlagerten, entstanden neue Einsichten: „Das wusste ich gar nicht!“ – „Unsere Wege sind sich ähnlicher, als ich dachte!“ – „Jetzt verstehe ich deine Sichtweise viel besser.“
Diese Übung war mehr als eine Visualisierung. Sie war emotionale Trauerarbeit, Wertschätzung für das, was gewesen war, und ein Fundament für das, was kommen würde.
Dann ging es um die bereits benannte Stagnation. Neues auszuprobieren, wurde von einem Teil des Teams rigoros abgelehnt: „Kennen wir schon.“, Brauchen wir nicht!“, „Haben wir schon versucht, funktioniert nicht.“
Was war das? Gewohnheit, Bequemlichkeit, Sturheit oder echte Überzeugung?Sie möchten über Ihr Thema nachdenken und wünschen sich eine Sparringspartnerin?
Zu diesem Thema hatte ich eine Geschichte mitgebracht. Ein Experiment, das eindrucksvoll zeigt, wie tief sich alte Gewohnheiten verankern konnten.
Vier Affen saßen in einem Käfig. Auf einem Pflock lagen Bananen, ein verlockender Leckerbissen. Doch jedes Mal, wenn ein Affe versuchte, sie zu holen, fegte ihn ein Wasserstrahl hinweg. Nach mehreren Versuchen gaben alle auf.

Dann wurde einer der Affen ausgetauscht. Der Neue kannte die Regel nicht und wollte sich die Bananen schnappen. Doch bevor er den Pflock erreichte, hielten ihn die anderen zurück – laut kreischend und mit körperlicher Gewalt. Er lernte schnell: Der Pflock war tabu, zu gefährlich.
Nach und nach wurden alle Affen ersetzt, bis schließlich kein einziger mehr im Käfig saß, der je mit Wasser bespritzt worden war. Doch was geschah? Genau: Nichts. Kein Affe wagte es, den Pflock zu besteigen.
Die Pointe: Niemand wusste mehr, warum es verboten war, die Banane zu holen – aber alle hielten sich daran.
Diese Geschichte regte das Leitungsteam zum Nachdenken an. Welche Traditionen und ungeschriebenen Regeln bestimmten den Führungsalltag? Welche Gewohnheiten waren überholt, aber wurden trotzdem beibehalten? Gibt es Regeln, die aus Loyalität zur verstorbenen Chefin aufrechterhalten werden müssen? Welche Glaubenssätze haben wir uns eingeprägt, die uns hindern voranzukommen? Welche Muster galt es zu hinterfragen?
Innerhalb des folgenden 3-jährigen Supervisionsprozesses hatte das Leitungsteam Zeit sich zu reflektieren, ihr denken zu öffnen, Perspektivwechsel vorzunehmen, neue Impulse zuzulassen und auszuprobieren.
Experimente
Ich nutze in festgefahrenen Teams manchmal Impulse aus der Methode The Work von Byron Katie. Sie helfen eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln. Der Schlüssel liegt darin, die zugrunde liegenden Überzeugungen zu identifizieren und zu prüfen, ob sie wirklich wahr sind.
1: Den einschränkenden Glaubenssatz erkennen
Das Team formuliert, was es über Innovation denkt. Typische Glaubenssätze könnten sein: „Neue Ideen funktionieren bei uns nicht.“ „Wir haben das immer so gemacht.“
2: Die vier Fragen anwenden
Jeder dieser Glaubenssätze wird mit den vier Fragen überprüft:
- Ist das wahr? - Gibt es Beweise, dass neue Ideen tatsächlich nicht funktionieren?
- Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? - Gibt es Beispiele, wo Innovation nicht erfolgreich war?
- Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst? - Blockiert dieser Gedanke das Team? Führt er zu Widerstand?
- Wer wärst du ohne diesen Gedanken? – Wie würde das Team arbeiten, wenn es offen für neue Ansätze wäre?
3: Die Umkehrung finden
Nun wird der ursprüngliche Glaubenssatz umgekehrt: Neue Ideen funktionieren bei uns. Es gibt viele Wege, Dinge zu tun. Veränderung kann Struktur und Wachstum bringen.
Das Team sucht nach echten Beispielen, die diese neuen Aussagen unterstützen.
4: Neue Routinen etablieren
Wie das Affenexperiment zeigt, halten Teams oft an alten Gewohnheiten fest, ohne zu wissen, warum. Das Team könnte sich fragen: Welche Traditionen halten uns zurück? Welche neuen Routinen könnten Innovation fördern? Wie können wir eine Kultur schaffen, in der neue Ideen willkommen sind?
Durch diesen Prozess kann das Team eingefahrene Denkweisen aufbrechen und eine offenere, kreativere Arbeitsweise entwickeln.
