Gleichheit oder Gerechtigkeit?

„Gerechtigkeit ist der Wille zur Gleichheit, aber nicht zur Gleichmacherei.“
Friedrich Nietzsche
Erinnerung
Mit der ist Gerechtigkeit ja so eine Sache.
Zum Beispiel haben sich meine Eltern große Mühe gegeben, dass in der Familie alles fair zugeht. Bei 4 Kindern nicht einfach. Obwohl gut und ausreichend gekocht wurde, saß der Futterneid immer mit am Tisch, machte riesengroße Augen und war sofort gekränkt, wenn jemand einen Happen mehr hatte. Später durften unsere kleinen Geschwister genauso lange aufbleiben wie wir Großen. Das ist doch fies, wenn es in anderen Situationen Unterschiede zwischen älter und jünger gibt.
Schlimm war es bei Radtouren mit der Klasse. Ich war eine lahme Ente und immer hintendran. Natürlich gab es Stellen an denen auf mich gewartet wurde. Wenn ich mit hochrotem Kopf, fix und fertig ankam, ging es weiter. Keine Pause für mich. Das endete mit Tränen, Verzweiflung und völliger Überforderung.
Auch erinnere ich mich noch sehr gut an die Mannschaftswahl im Sportunterricht. Wählen durften immer die besonders guten Sportler. Die anderen waren bange, wann und vom wem sie in die Mannschaft gewählt wurden. Letzter sein war ziemlich mies. „Na gut, dann nehmen wir den auch noch!“ wurde augenrollend gemault.
Wie machen Sie das in Ihrer Arbeit? Haben Sie vielleicht auch Sorge vor ungleicher Behandlung? Was ist dann mit der Individualität? Kann man eigentlich immer gerecht und fair sein? Was wäre dabei wichtig zu beachten?
Erfahrung
Vor einiger Zeit hatte ich ein Leitungsteam in Supervision. Auf Wunsch von allen, nahm in gewissen Abständen die Gesamtleitung teil. Das Team beschrieb sich selbst als solidarisch und wertschätzend. Die Atmosphäre war freundlich, fast familiär.
Und doch brodelte es unter der Oberfläche, das Arbeitsaufkommen war hoch, längere Krankheitsphasen machten ihnen zu schaffen.

Eine der Leitungskräfte – nennen wir sie Clara – übernahm in dieser Zeit viele zusätzliche Aufgaben. Sie koordinierte Abläufe, sprang bei Ausfällen ein, schrieb Konzepte, organisierte Fortbildungen. Nicht, weil man es von ihr verlangte, sondern weil sie die Arbeit sah, es konnte und auch wollte. Sie war engagiert, klug, strukturiert. Das Team schätzte sie sehr. Gleichzeitig wurde ihr Engagement stillschweigend angenommen, irgendwann sogar vorausgesetzt.
In einer Supervision mit der Gesamtleitung ging es um die Verteilung von Ressourcen. Fortbildungsbudget, Gehaltserhöhungen, Prämien, freie Tage etc. Nun wurde sehr betont, dass „alle gleich behandelt“ werden müssten. Die Gesamtleitung sagte: „Wir wollen keine Unterschiede machen, das wäre unfair.“ Clara saß still da. Ich sah, wie sich ihre Haltung veränderte. Sie war nicht wütend, aber verletzt. Ich fragte das Team: „Was ist Ihnen wichtiger Gleichheit oder Gerechtigkeit?“
Große Augen. „Gibt es einen Unterschied?“
Ich versuchte eine Erklärung. Ungefähr so: „Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Aber die Realität sieht oft anders aus. Da muss ich ihnen nichts erzählen. Armut, Arbeitslosigkeit und schlechte Bildung sorgen für deutlich schlechtere Chancen im Leben. Obwohl alle Menschen den gleichen Wert und die gleiche Bedeutung haben, unabhängig von ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft. Diese Prinzipien sind im Grundgesetz verankert, konkret in Artikel 3. Das Gesetz schützt unsere Gleichheit gegen jede Form von Diskriminierung. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde.“
Eine Kollegin sagte: „Das ist sehr wichtig. Und deshalb sollten alle auch das Gleiche bekommen. Ganz gerecht aufgeteilt.“
Clara fragte: „Unabhängig vom Arbeitsbeitrag? Ist das denn fair?“
„Clara, wie sehen Sie das Thema?“ fragte ich.
„Ich fühle mich mit meinem Einsatz nicht gesehen. Ausgerechnet im Namen der Gerechtigkeit wird meine Leistung nicht gewürdigt. Gerechtigkeit bedeute doch, dass Unterschiede anerkannt werden. Gar nicht um zu bewerten, sondern um zu würdigen.“
Es wurde still. Dann sagte jemand: „Vielleicht haben wir Gleichheit mit Gerechtigkeit verwechselt.“
Diese Erkenntnis war ein Wendepunkt. Wir sprachen über individuelle Bedürfnisse, über stille Erwartungen und über die Angst, durch Differenzierung Konflikte auszulösen. Doch genau das Gegenteil war der Fall: Als sich später gezielt bei Clara bedankt wurde, entspannte sich die Stimmung. Die Ressourcenaufteilung geschah differenzierter und zur Zufriedenheit aller. Die anderen fühlten sich nicht benachteiligt, sondern inspiriert.
Gerechtigkeit ist kein mathematisches Prinzip. Sie ist ein Beziehungsgeschehen. Sie braucht Mut zur Differenzierung, zur Anerkennung von Vielfalt. Und sie braucht Vertrauen, dass individuelle Würdigung nicht automatisch Ausschluss bedeutet.
Gerechtigkeit ist ein großes Wort. Es klingt nach Regeln, nach Gleichheit, nach Ordnung. Doch was passiert, wenn wir es mit unserer eigenen Geschichte konfrontieren? Mit unseren Bedürfnissen, unseren Erfahrungen, unserer Sicht auf die Welt?
In meiner Arbeit erlebe ich oft, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was gerecht ist. Für die eine Person bedeutet es, dass alle das Gleiche bekommen. Für die andere, dass jeder das bekommt, was er braucht. Und manchmal ist beides gleichzeitig wahr oder eben auch nicht.
Ich möchte Sie zu einem kleinen Experiment einladen. Es ist einfach, aber nicht banal. Es braucht Offenheit, Neugier und ein bisschen Mut.
Sie möchten über Ihr Thema nachdenken und wünschen sich eine Sparringspartnerin?
Experiment
Gerechtigkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie lebt von Beziehung, vom Kontext, von der Bereitschaft, sich selbst und andere ernst zu nehmen. Oft glauben wir, wir müssten uns anpassen, dabei wäre es gerechter, wenn wir uns zeigen würden. Für mich bedeutet Solidarität nicht, Unterschiede zu ignorieren, sondern sie zu würdigen und sich vielleicht genau deshalb füreinander einzusetzen.
Probieren Sie im Team folgendes Experiment aus.
Erinnerung aufschreiben
Denken Sie an eine Situation, in der Sie dachten: „Das ist voll unfair!“
Schreiben Sie auf, was passiert ist. Wer war beteiligt? Was hat Sie verletzt oder irritiert?
Bedürfnis erkennen
Fragen Sie sich: „Was hätte ich gebraucht, damit es sich gerecht anfühlt?“
Vielleicht war es Anerkennung, vielleicht ein Ausgleich, vielleicht einfach ein ehrliches Gespräch.
Perspektive tauschen
Geben Sie Ihre Notiz (anonym oder offen) an eine andere Person weiter. Diese liest Ihre Geschichte und schreibt ihre Sicht zur Frage: „Was könnte Solidarität in dieser Situation bedeuten?“
Austausch und Reflexion
Kommen Sie ins Gespräch. Was hat überrascht? Was war schwer? Was hat berührt? Was nehmen Sie konkret mit?
Mit Sicherheit entdecken Sie verschiedenste Sichtweisen. Es ist wohltuend, wenn jemand versucht, Ihre Perspektive zu verstehen. Und möglicherweise entsteht daraus ein neues Verständnis von Gerechtigkeit.

