Gedanken kramen

Ikigai

Erinnerungen

Obwohl ich als Mädchen oft recht unsicher war, hatte ich auch eine laute Seite. Ich konnte andere begeistern mitzumachen, wollte dass alle dabei sind, niemand am Rand sitzen muss.

Eines Tages im Sommer hatte ich die Idee, mit Freunden raus aus der Stadt in den Wald zu fahren. Ich nannte den Ort „Flutschiflatsch“ und motivierte, dass wir dort spannende Entdeckungen machen können. Die anderen waren begeistert. Die Melodie der „Kleinen Nachtmusik“ von Mozart diente unserem selbsterdachten Song „Fluutschi – Fluutschi – FlutschiFlutschiFlatsch. Fluutschi – Fluutschi – FlutschiFlutschiFlatsch. Flutschi ohoho FlutschiFlatsch…“ Lauthals grölten wir durch die S-Bahn und waren glücklich.

Als 14jährige Schülerin hatte ich eine Brieffreundin in der Sowjetunion. Meine Olga. Als erstes schickte sie mir ein Foto von sich. Sogar in Farbe, das war damals schon besonders. Sie trug eine weiße Bluse mit Bubikragen, hatte ein rundes Gesicht lächelte und mich an. Die kastanienbraunen Haare waren zu einem schicken Bob geschnitten. Leichtes MakeUp betonte ihre vollen Lippen und ihre blauen leuchtenden Augen. Ich fand sie wunderschön und habe mich geehrt gefühlt, dass ich ihre Freundin sein durfte. Ich weiß gar nicht mehr in welcher Sprache wir uns schrieben. Vermutlich russisch. Aber vor allem malten wir uns gegenseitig Bilder. So versuchten wir, uns unsere kleinen Welten näher zu bringen. Es war so bereichernd.  

Heute erkenne ich in diesen Erinnerungen meine ersten Kontakte mit dem, was ich später unter dem Begriff Ikigai kennenlernte. Damals wusste ich noch nicht, dass ich einmal Menschen begleiten würde, ihren eigenen Weg zu finden, aber es war schon da. Oder mein erstes Gefühl von Verbindung über Sprache und Grenzen hinweg, Menschen in ihrem Wesen zu begegnen. Diese Dinge gehören zu MEINEM Ikigai.

Iki… was?

Der Begriff stammt aus Japan, genauer von der Insel Okinawa, die für ihre besonders hohe Lebenserwartung bekannt ist. IKI bedeutet Leben GAI bedeutet Wert. Zusammengesetzt heißt es Lebenssinn. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel führen ihr langes, erfülltes Leben unter anderem auf ihr starkes Gefühl von Ikigai zurück. Eine tiefe Verbindung zu dem, was ihnen wirklich wichtig ist. Ikigai ist ein Konzept, das sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Ihrem persönlichen Grund, morgens mit Freude aufzustehen. Es setzt sich aus vier zentralen Bereichen zusammen:

  • Was Sie lieben?
  • Worin Sie gut sind?
  • Was die Welt braucht?
  • Wofür Sie bezahlt werden können?

Dort, wo sich die Antworten auf diese vier Themengebiete überschneiden, liegt Ihr Ikigai, Ihre Lebensfreude, Ihre Berufung, Ihr innerer Kompass.

Erfahrungen

In meiner Arbeit begegnet mir Ikigai oft unausgesprochen. In Form von Sinnsuche, innerer Leere oder beruflicher Neuorientierung. Ich erinnere mich an eine Klientin, die ihren Job als „gut bezahlt, aber sinnlos“ beschrieb. Sie war Grundschullehrerin mit Leidenschaft und völlig erschöpft. Sie kam ins Coaching mit dem Satz: „Eigentlich liebe ich Kinder, aber ich erkenne mich selbst nicht mehr.“ Über Jahre hatte sie sich mit viel Idealismus in ihre Arbeit gestürzt. Doch steigende Anforderungen, ständig wechselnde Rahmenbedingungen und eine zunehmende Entfremdung im Kollegium ließen sie sich innerlich leer fühlen. „Ich funktioniere nur noch. Mein Herz ist nicht mehr dabei. Ich fange an, die Kinder nicht mehr zu mögen. Das erschreckt mich sehr. Ich muss mir eine neue Arbeit suchen.“

Im Coaching betrachteten wir zunächst ihr Rollenverständnis. Wo fühlte sie sich noch als Gestalterin? Wo nur noch als Verwalterin? Durch Reflexion, achtsame Selbstwahrnehmung und das Ikigai-Modell konnte sie sich einiges verdeutlichen. Ein paar Auszüge:

  • Was sie liebte? = Kinder individuell begleiten, Entwicklung wirklich sehen,
  • Worin sie gut war? = kreatives Arbeiten, Gesprächsführung, Unterrichtsgestaltung
  • Was die Welt braucht? = dialogische Elternarbeit, offene Lernsettings, tolerante Haltung und ein Miteinander
  • Wofür sie bezahlt werden konnte? = für genau die Arbeit in der sie angestellt ist

Ihre innere Flamme brannte früher also besonders dann, wenn sie Kinder individuell begleiten, kreativ arbeiten und Entwicklung wirklich sehen konnte.

In einer Werteübung formulierte sie: „Ich brauche Nähe, Wirkung und Entwicklung.“ Das wurde zu ihrem Kompass. Gemeinsam entwickelten wir Strategien, wie sie wieder mehr von dem, was sie liebt in ihre Arbeit integrieren konnte: kreative Projekte, offene Lernsettings, dialogische Elternarbeit. Sie verhandelte im Kollegium für mehr Gestaltungsfreiraum. Riss sogar andere mit und gestaltete eine AG für Kinder, die „anders lernen“.

In der sich anschließenden Supervisionsphase berichtete sie: „Ich bin abends müde, aber nicht mehr leer.“ Sie fühle sich wieder verbunden mit ihrem Beruf, aber auch mit sich selbst. Sie integrierte regelmäßige Reflexionszeiten in ihren Alltag und achtete konsequenter auf ihre Ressourcen.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich durch die Ikigai Arbeit rückbesinnen kann. Oft ist ein beruflicher Wechsel nicht nötig, sondern eine Wiederannäherung an das, was einem einst das Motivationsfeuer gebracht hat.

Sie wollen auch Ihr Ikigai erkunden und wünschen sich dabei Unterstützung? Dann schreiben Sie mir eine E-Mail.

Experimente

Sie können Ihr Ikigai spielerisch entdecken. Ziel ist immer eine Standortbestimmung, eine Zielsetzung und ein Wegweiser für nächste Schritte. Es kann eine Hilfe bei einer Neuorientierung sein, unterstützen bei der Suche nach neuen Perspektiven. Sie können Lebensbereiche aufdecken, die als nicht zufriedenstellend empfunden werden. Die Beschäftigung mit dem Ikigai, kann als Basis für die Entwicklung einer persönlichen Vision oder als Suche nach dem persönlichen Lebenssinn genutzt werden.

Nehmen Sie sich Zeit, schnappen sich ein Blatt Papier und farbige Stifte.

Schritt 1: Zeichnen Sie vier Kreise

Zeichnen Sie vier überlappende Kreise auf ein Blatt Papier. Jeder Kreis steht für einen der folgenden Bereiche:

  1. Was Sie lieben (Ihre Leidenschaften und Interessen)
  2. Worin Sie gut sind (Ihre Talente und Fähigkeiten)
  3. Was die Welt braucht (Ihre Werte und Beiträge)
  4. Wofür Sie bezahlt werden können (Ihre beruflichen Möglichkeiten)

Schritt 2: Beantworten Sie die Fragen

Füllen Sie die Kreise mit Ihren Antworten. Lassen Sie sich Zeit und schreiben Sie alles auf, was Ihnen einfällt.

  • Was Sie lieben: Was macht Ihnen Freude? Was begeistert Sie?
  • Worin Sie gut sind: Was können Sie besonders gut? Was sagen andere über Ihre Stärken?
  • Was die Welt braucht: Welche Probleme möchten Sie lösen? Was inspiriert Sie?
  • Wofür Sie bezahlt werden können: Welche Tätigkeiten könnten Sie beruflich ausüben?

Schritt 3: Finden Sie die Schnittmenge

Schauen Sie sich die Bereiche an, in denen sich die Kreise überschneiden. Notieren Sie, was Ihnen auffällt:

  • Liebe + Talent: Ihre Passion
  • Weltbedarf + Liebe: Ihre Mission
  • Talent + Bezahlung: Ihr Beruf
  • Bezahlung + Weltbedarf: Ihre Berufung

Dort, wo sich alle vier Kreise treffen, liegt Ihr Ikigai.

Schritt 4: Experimentieren Sie

Wählen Sie eine Idee oder einen Bereich aus, der Sie besonders anspricht, und probieren Sie ihn aus. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Freude und Sinn. Begeben Sie sich auf die Reise.

Tipp: Vielleicht haben Sie auch Lust und entwickeln ein kleines Teamevent daraus oder gestalten gemeinsam im Freundeskreis. Musik an, die Kreise bunt gestalten, kleine Symbole und / oder Bilder hinzufügen. Und dann ins Gespräch kommen. So kann Ihr Ikigai Erlebnis, gleich zu einem wunderbaren Austausch werden. In jedem Fall wird es inspirierend sein.

Ich freue mich über Ihre Erfahrungen, Impulse und Gedanken dazu.

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