Gedanken kramen

Gedanken der Frau Rosa
Achtsamkeit

Und neulich…
wurde Frau Rosa langsam. Sie blieb einfach in der Fußgängerzone sitzen und sah in die Luft. Ein kleiner blauer, runder Gedanke tauchte neben ihr auf und kullerte in Zeitlupe im Kreis herum.

Frau Rosa dachte an früher. Da machte sie „Langsamsein“ nervös. Vieles musste flink gehen, fix erledigt werden, und zwar pünktlich. Das war wichtig. Deshalb war sie oft eher zu schnell, stotterte oder verschluckte sich vor lauter Angst, nicht zu Wort zu kommen. „Mach mal langsam“, sagten die Erwachsenen dann.

Als Jugendliche musste sie sich noch schnell einen Rock nähen, wenn sie abends in die Disco wollte. Das Ergebnis war nicht besonders vorteilhaft. Bei Sportfesten meldete sie sich für alle Wettkämpfe an. Ohne nachzudenken. Später stellte sie dann fest: sie hatte sich zu viel vorgenommen. Ämtervergaben oder Vorstellungsrunden – immer meldete sie sich als erste. Sie hatte gelernt, zu funktionieren. Und zwar flott, flott. Der blaue Gedanke rollte ein wenig näher. „Und, hat sich das eigentlich jemals verändert?“

Frau Rosa dachte nach.

Mit Anfang 30 als stellvertretende Projektleiterin, hatte sie ein einschneidendes Erlebnis. Sie war mit ihrer hochgeschätzten Chefin bei Sponsoren zu einer Arbeitsbesprechung eingeladen. Es gab eine Diskussion über verschiedenen Projekt-Ideen und Lösungsansätze. Frau Rosa war sehr engagiert dabei und fühlte sich gut. Nach der Sitzung nahm ihre Chefin sie zur Seite und sagte: „Du bist einfach zu schnell. Ich schätze dein Engagement, aber höre doch bitte erstmal meine Gedanken an. Gliedere dich in den Gesamtprozess ein und gib dich kollegial.“ Frau Rosa schämte sich. Unkollegial wollte sie auf keinen Fall sein. Da war sie wohl wieder zu schnell…

Sie sagte zu ihrem Gedanken: „Heute weiß ich, ich wollte einfach nur gut und fleißig sein. Da war ich wohl oft im ICE unterwegs und meine Kollegin oder auch andere Menschen, packten gerade noch die Koffer. Darauf habe ich gar nicht geachtet, ich habe sie nicht mitgenommen.“

Und dann begann sich Frau Rosa in Geduld zu üben, fing an, sich zu beobachten, bewusster zu agieren und sich in ihrem Tun zu reflektieren. Sie beschäftigte sich mit Achtsamkeit, wurde gelassener. Am Anfang fand sie das ziemlich merkwürdig.

Da saß sie also und sollte einfach wahrnehmen. Nichts überlegen. Nichts lösen. Nichts verbessern. Nur wahrnehmen. Das war gar nicht so leicht. Denn ihr Alltagsbewusstsein war ausgesprochen fleißig. Es wusste eigentlich immer sofort, was zu tun war. Es sortierte, verglich, bewertete und schickte Frau Rosa zuverlässig von einer Aufgabe zur nächsten.

Der blaue Gedanke wippte auf ihrem Fuß.

Wenn Frau Rosa dagegen innehielt, wurde alles langsamer. Zuerst bemerkte sie ihren Körper. Die Füße auf dem Boden. Die Schultern. Den Atem. Manchmal stellte sie fest, dass sie verkrampft saß und die Luft angehalten hatte, ohne es zu merken. Dann kamen Gefühle dazu. Unruhe. Ärger. Freude. Müdigkeit. Manchmal auch etwas, das sie nicht gleich benennen konnte. Und irgendwann bemerkte sie ihre Gedanken. Das war noch einmal etwas anderes. Sie dachte nicht nur. Sie konnte plötzlich beobachten, dass sie dachte.

Der kleine blaue Gedanke schien zufrieden. Er war schon früher ein Freund der unterschiedlichen Sichtweisen gewesen. Wenn Frau Rosa sagte: „So ist das“, hatte er ihr meistens gezeigt, dass es auch anders aussehen konnte. Jetzt zeigte er ihr etwas Neues.

Vielleicht musste sie nicht immer sofort wissen, was etwas bedeutete. Vielleicht durfte sie erst einmal schauen. Was ist gerade? Was spüre ich? Was fühle ich? Was denke ich? Und sie musste daraus nicht sofort eine Handlung machen.

Frau Rosa hatte einmal gelesen, dass es einen Unterschied zwischen dem schnellen Alltagsbewusstsein und einer nach innen gerichteten Achtsamkeit gibt. Das Alltagsbewusstsein sei praktisch, weil es schnell funktioniere. Es helfe uns, durch den Tag zu kommen. Aber wenn man herausfinden wolle, was eigentlich in einem selbst los sei, müsse man langsamer werden.

Das leuchtete Frau Rosa ein. Denn draußen fand sie zwar jede Menge Antworten. Aber warum sie so handelte, was sie antrieb und weshalb sie manches immer wieder tat. Das fand sie dort nur selten.

„Hhhmmmmmm“ hauchte der Gedanke sachte und umgab sie mit einem liebevollen Wohlwollen. „Das geht vielen Menschen so. Schau dich doch mal um. Sieh dir die Situation hier in der Fußgängerzone an: Wer ist denn wirklich bei sich? Kann man das überhaupt erkennen von außen?“

Sie saß eine Weile und beobachtete. Nicht nur das Tempo, auch die Körperhaltung und die Gesichtsausdrücke der Menschen waren verschieden und verrieten einiges. Nimmt man nicht auch nach eigener Stimmung und Situation wahr? Man betrachtet anders und sieht aus anderen Perspektiven: mal angespannt, nervös, verkrampft, mal in sich gekehrt oder auch kraftvoll, mutig, hektisch, agil.

Wie wäre es, wenn alle einfach mal innehalten würden? Achtsamer wären mit sich, ihren Mitmenschen, der Umwelt? „Ich glaube sogar,“ sagte Frau Rosa „es würde sich viel bewegen.“

Der Gedanke wurde still. Er lag rund und blau auf ihrem Schoß.

Frau Rosa schloss für einen Moment die Augen. Und plötzlich war da gar nicht mehr so viel. Kein Schaufenster. Keine vorbeieilenden Menschen. Keine Stimmen. Nur ihr Körper. Ihre Füße auf dem Boden. Die Schultern. Ihr Atem. Und dann bemerkte sie, dass da auch Gefühle waren. Und Gedanken. Gedanken, die kamen und wieder gingen. Sie musste ihnen nicht folgen. Sie musste sie nicht verändern. Sie konnte sie einfach beobachten. Der Gedanke waberte mittlerweile hellblau.

Frau Rosa verstand langsam, dass Achtsamkeit gar nicht bedeutete, sich besonders gut zu entspannen oder etwas richtig zu machen. Es war eher eine Erlaubnis. Eine Erlaubnis, wahrzunehmen, was gerade da war. Ohne es gleich zu bewerten, es erklären zu müssen oder es sofort verändern zu müssen. Und nun hatte sie den Moment erwischt, in dem sie sich selbst ein kleines Stück näherkam.

Farblos glitt der Gedanke davon.

An diesem Abend schlenderte sie nach Hause: langsam, gelassen. Sich in Langsamkeit üben, brachte eine Verlangsamung und eine regelrechte Entspannung. Achtsam sein, bedeutete bei sich sein, sich in seinem Dasein zu beobachten und wahrzunehmen, im besten Fall sogar ernst zu nehmen. Das wollte sie jetzt wieder öfter machen.


Autorin: Aline Kramer

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