Fremdgehen

ALT=“Brücke mit kleiner Heuschrecke als Comicbild davor"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – FREMDGEHEN (Oktober 2016)

Und neulich…
ging Frau Rosa fremd. Das wurde ihr zumindest indirekt vorgeworfen.

Als Frau Rosa mit Ihrer Arbeitskollegin über die Situation sprach, empörte sich diese, lies wütende Kommentare ab. Dann trat befangenes Schweigen ein. Kein Wort.

Frau Rosa war in einem klassischen Loyalitätskonflikt. Das Wertesystem in Ihrer Firma gebot: Ackern bis zum Umfallen. Mitgegangen, Mitgefangen. Das machte es besonders schwer. Für Ihre Kolleginnen war die Sache klar, sie war unehrlich, hatte sich „scheiden“ lassen und war damit schuldig gesprochen.

Ein mächtiger Vorwurf!

Frau Rosa hatte es sich nicht leichtgemacht; sie hatte ein Kind, einen Mann, Eltern und Geschwister und sie hatte eine Art innere Uhr. Früher hatte sie gar keinen Zugang zu diesem tiefen Mechanismus. Aber neuerdings schellte diese Uhr öfter mal Alarm. Es war ein Instinkt, die Gendarmerie ihrer selbst. Ein nicht unwesentliches Rädchen in diesem Mechanismus war ihre Lust. Sie wurde übellaunig, wenn sie immer nur am Schreibtisch saß. Wenn die Lust wegblieb, wurde sie krank, das hatte sie oft schmerzlich erfahren.

Also hatte Sie sich, wirklich schweren Herzens, entschieden nicht mehr mit vollem Stundenanteil im Büro zu arbeiten. Sie wollte sich selbst ernster nehmen und auch Dinge tun, die ihr Kraft gaben.

Frau Rosa hatte verinnerlicht, dass Ehrlichkeit das höchste Gut sei. Allerdings hatte sie im Laufe ihres Lebens auch äußerst unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn sie ehrlich war. So entschied sich also manchmal dafür, lieber gar nichts zu sagen oder sogar eine kleine Notlüge anzubringen. Das brachte ihr Bedürfnis nach Harmonie und ihre Angst vor Konflikten einfach mit sich. Das war wohlgemerkt manchmal!
Denn Sie hatte auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzte sich durchaus ein. Meist für andere.

War sie in diesem Fall wirklich unehrlich gewesen?

Ihr kam der Gedanke, dass es stimmte. Ja, sie war illoyal, verlogen, feige, charakterlos. Im Grunde abscheulich! Dieser Gedanke war einer ihrer massivsten Kritiker, war fies, unerträglich, hatte sich festgebissen, saß ihr im Nacken. Er fühlte sich an wie ein Heuschreckenschwarm, der in kürzester Zeit die Ernte zerstörte.

Gerade in letzter Zeit hatte sie sich intensiv mit eigenen Zielen und Werten auseinandergesetzt. War im Austausch, einer Art Diskussion mit sich und auch anderen Menschen. In kontinuierlicher Kleinstarbeit, hatte sich etwas wie Selbst-Bewusstsein entwickelt.  Sollte sie denn die erworbene Treue zu sich selbst in Frage stellen?

Umso interessanter war es, dass besonders diese kritischen Gedanken, sie immer noch ziemlich schnell aus der Bahn werfen konnten. Das war mühsam. Sie kamen als lang gelernte innere Verpflichtungen, setzten sich fest und das war`s dann.

Wie sehr hingen Ehrlichkeit und Loyalität zusammen? Konnte sie denn ihrem Chef und ihren Kolleginnen gegenüber loyal sein, wenn sie nicht 100% zu dieser Arbeit stand?

Ging es hier nicht auch um Erwartungen? Wie sollte sie sich nach außen Verhalten und welche inneren Haltung müsste sie einnehmen?

Vielleicht wäre es besser, darüber zu reden, wie die Entscheidung für die Stundenkürzung entstanden ist. Sie könnte genauer erklären. Es waren ja sehr unterschiedliche Reaktionen im Kollegium zu beobachten: Ärger, Kummer, Missfallen, Neid, Missgunst an einigen kleinen Stellen loderte Verständnis auf. Möglicherweise gab es auch Fragen an sie. Genau, dieses Gespräch würde sie führen.

Und jetzt war sie eigentlich ganz froh, diesen Gedanken zugelassen zu haben.

Autorin: Aline Kramer

Traute

ALT=“Schattenbild mit vielen Armen"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – TRAUTE (JULI 2016)

Und neulich…
traute sich Frau Rosa. Wenn sie so zurückdachte, war sie noch nie so mutig gewesen.

Es war einer dieser grauen, langweiligen, durchgestylten Dienstage. Als sie zur Arbeit kam, waren alle schon da.

Sie konnte sich im Grunde organisieren, wie sie wollte, es gelang ihr nie als erste zum Dienst zu erscheinen. Frau Rosa war eben letzte.
Sie hatte einen Sohn und einen Mann und musste natürlich das volle Morgenprogramm bewältigen. Aufwecken, freundlich sein, Morgentoilette, freundlich sein, Frühstück machen, freundlich sein, Frühstück essen, freundlich sein, Schulbrote schmieren, freundlich sein, „Habt ihr an alles gedacht“ flöten, dabei freundlich sein, den Kleinen in die Schule bringen, freundlich sein, Bahnfahrt, freundlich sein. Ihre Hauptaufgabe schien: freundlich sein!

Ihre Bedürfnisse NICHT wichtig zu nehmen, hatte sie fleißig gelernt und gewissenhaft verinnerlicht.

Auf der Arbeit waren die anderen schon beim zweiten Kaffee. Sie wurde beäugt wie: Na wieder nicht geschafft? Du willst wohl nicht zu uns gehören? Kleinere Sticheleien, hätte sie in Körben sammeln und an Bedürftige abgeben können. Sie schlich also schüchtern vorbei und verschwand in ihrem Büro.

Frau Rosa hatte eine halbe Stelle und war dementsprechend nur 3 Tage in der Woche in der Firma. Obwohl sie schon seit vielen Jahren dort arbeitete, fühlte sich oft nicht dazugehörig, wenig wertgeschätzt und hatte es schwer, richtig Fuß zu fassen. Die Informationskultur in ihrer Abteilung ließ zu wünschen übrig. So gab es selten die Möglichkeit zum Austausch, ohne den Eindruck, sich zu präsentieren und Pluspunkte sammeln zu müssen. Auf Ihrem Anerkennungskonto verzeichnete sie eher ein Minus und sie rutschte jedes Jahr in der Zielbewertung ab. Das machte ihr zu schaffen.

ABER sie traute sich nicht. Sie fürchtete herablassende Blicke. Sie hatte Schweißausbrüche, wenn die Teamsitzung begann. Sie fühlte sich beobachtet, weil sie doch im Zielgespräch unterschrieben hatte, sich mehr einzubringen. Aber unter Druck fiel ihr nichts ein, nicht ein Gedanke, nichts Schlaues. Und dann redeten andere, über Banalitäten, wie sie fand.

Es wurde geredet, viel geredet. Wenn Menschen beieinander sind, wird nun mal geredet. Und wenn sie nicht da war, natürlich auch über sie. Ihre Kolleginnen lästerten beim Mittagessen über eine andere Kollegin, die nie mit zum Essen kam. Also warum sollte das bei Frau Rosa anders sein? Heimlich bewunderte Frau Rosa den Mut der Kollegin, einfach nicht zum Essen zu gehen. Sie war regelrecht neidisch, denn auf diese Art der Pausen, konnte sie eigentlich gut verzichten.
So fantastisch abgrenzen, das wollte sie auch können.

Später mal an einem dieser langen lauen Sommerabende, nachdem sie ihre Familie versorgt hatte, ging sie noch eine Runde durch den Park. Allein! Sie liebte es, auch mal allein für sich zu sein. Sie nutzte diese Abendspaziergänge zum Entspannen.

Da kam ein Gedanke vorbei. Ein langer, ziemlich dünner und fast unsichtbarer Gedanke. Er hatte einen albernen quietschbunten Karnevalshut auf dem Kopf und einen seltsamen Gang. Sie dachte an Goethe: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“
Sie versuchte den Gedanken zu ignorieren, aber er schlurfte beharrlich neben ihr.
Und obwohl Frau Rosa keine Gedanken ans Denken verschwenden wollte, fragte der Gedanke direkt: „Warum machst du nicht einfach was du willst?“  Frau Rosa war erst trotzig und starrte vor sich hin. Sie liefen ein Stück. Dann aber erzählte sie, dass sie befürchte über sie würde geredet werden und das könne sie nur schlecht aushalten.
Der Gedanke antwortete: „Sowieso!“ belächelte sie und wankte still weiter.
„Was sowieso?“, fragte Frau Rosa nervös.
„Na Sowieso!“, sagte er, zog triumphierend die Augenbrauen hoch und schwieg.
Frau Rosa hatte einen Kloß im Hals, wurde innerlich ungehalten und fragte heißer: „Was meinst du?“
„Sowieso! Sie reden sowieso. Egal, was du tust. Ob du es so machst, wie sie wollen oder so, wie du es willst. Sie reden sowieso.!“
Frau Rosa war der Gedanke plötzlich peinlich. Wie er da so neben ihr her wackelte.
Dass sie nicht schon früher darauf gekommen war. Der Gedanke war nun fast durchsichtig. Er flüsterte noch: „Dann mach doch einfach was du willst!“ und war dann verschwunden.

Frau Rosa setzte sich erschöpft auf eine Parkbank. Der Gedanke ging ihr nicht aus dem Kopf.
Na klar, wenn Sowieso geredet wird, kann sie ja gleich machen was sie will. Dann tut sie wenigstens, was sie gerne mag.

Sie nahm sich vor, den Gedanken zu berücksichtigen. Ein leises: „Danke!“ huschte über ihre Lippen.

Die Runde im Park war fast vorbei. Kurz vor dem Ausgang, lag etwas quietschbuntes auf dem Weg. Sie hob es auf. Es war ein Zettel, auf dem stand „Sowieso!“ Gänsehaut lief ihr über den Körper wie ein fleißiger Ameisenstaat. Sie steckte den Zettel in ihre Tasche und fasste einen Entschluss.

Am nächsten Tag kam sie zum Dienst. Die Damen waren schon beim zweiten Kaffee und beäugten sie. Sie fasste an ihre Tasche, sich ein Herz und sagt freundlich: „Guten Morgen.“ Die Kolleginnen waren verblüfft und nickten nur, eine lächelte sogar.

An diesem Tag traute sich Frau Rosa. Sie ging einfach nicht mit zum Essen. Sie ging raus, genoss die frische Luft und hing ihrem Gedanken nach.

Autorin: Aline Kramer

Sichtweisen

ALT=“Ostseestrand mit kleinem hüpfenden Mädchen"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – SICHTWEISEN (JUNI 2016)

Und neulich….

hatte sich Frau Rosa angemeldet. Sie hatte einige Bedenken und tat es nur Ihrer Freundin zuliebe. Diese bettelte schon zwei Jahre. Sie kannten sich seit ihrem BWL Studium, hatten eine Menge gemeinsam erlebt und eine recht innige Beziehung. Also konnte Frau Rosa ihr den Gefallen tun.

Ihre Freundin hatte, im Gegenteil zu Frau Rosa, das Studium beendet und arbeitete nun bei einem großen Automobilhersteller. Seit einer ganzen Weile beschäftigte sie sich mit Meditation und war dort in einer Selbsterfahrungsgruppe mit anderen Frauen. „Das ist zum Ausgleich.“ pflegte sie zu sagen. Auf Frau Rosa wirkte sie nicht sonderlich ausgeglichener, aber das war ja ihre Sicht.

Nun hatte sich Frau Rosa angemeldet. Sie fuhr mit zur Wochenendmediationsreise an die Ostsee. 3 Tage. Das Motto war: „Mit Luft und Liebe“!
Wenn das Programm ihr nicht so sehr zusagte, konnte Frau Rosa immer noch am Strand wandeln, atmen und den Kopf frei kriegen. So ihr Gedanke, den Sie auf diese Reise mitzunehmen gedachte. Es war einer ihrer entspanntesten Gedanken. Er war hübsch anzusehen, bescheiden, zierlich, mit einem versonnenen Lächeln auf den Lippen, im Grunde eher zurückhaltend und dennoch solide.

Als Frau Rosa mit ihrer Freundin in dem kleinen Küstenort ankam, fühlte sich alles richtig an. Das Wetter war rau, dennoch nicht kalt, die Luft klar und salzig – also ganz ausgezeichnet.

Sie trafen die anderen Frauen im Aufenthaltsraum. Insgesamt waren sie zehn Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Frau Rosa und 2 andere Frauen waren das erste Mal dabei. Das Programm schien recht straff. Kurz frisch machen, dann eine erste Interaktion zum Ankommen und Kennenlernen. Durch die Hektik vergaß sie ihren Gedanken in der Unterkunft.

Am Strand warfen sie sich einen Ball zu und mussten den Namen der Fängerin benennen. Frau Rosa hörte leider schwer und hatte außerdem schon immer Angst vor Bällen. Durch den Wind hatte sie nicht alle Namen verstanden. Das machte ihr Stress und sie war froh, als das Spiel vorüber war. Eine rothaarige Frau mittleren Alters war die Chefin und erzählte etwas von Luft und Liebe und wie die Elemente zusammenhingen. Und dass die Liebe ihr fünftes Element war. Frau Rosa musste gleich an Leeloo aus dem Film „das fünfte Element“ denken. Ja, sie hätte die Tochter der Chefin des Kurses sein können.

Nun wurde gewandert. Oder nein, die Aktion hieß „Gefühlsbewegung“. Zur Sicherheit holte Frau Rosa ihren Gedanken, bevor sie zum Strandgang aufbrachen. Sie liefen bis zum Abend und redeten über dies und das. Frau Rosa fand es interessant, die Geschichten der Frauen zu hören.

Eine erzählte von ihrer Trennung. Offensichtlich glich diese Trennung einem Befreiungsschlag, denn die Frau lies kein gutes Haar an ihrem Ex. Frau Rosa hatte mal gelesen, dass es kaum möglich war, dass nur einer die Verantwortung für das Scheitern von Beziehungen haben konnte. Der Gedanke tat sanft hinzu: „Alles hängt doch wohl zusammen und jeder tut das seine oder ihre dazu. Es ist eine Frage der Sichtweise.“ Ein kluger Gedanke, den Frau Rosa allerdings lieber für sich behielt.

Eine andere Frau erzählte von einer neuen Kollegin und wie schwer es sei, diese Kollegin anzunehmen. Sie sprachen über Vielseitigkeit und wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen wurden. Die Chefin fand, dass es wichtig sei, eine Willkommenskultur zu entwickeln.

Hier in der Gruppe fühlte sich Frau Rosa recht willkommen. Es ging ja um „Gefühlsbewegungen“ und die hatte sie. Ihr Gedanke fühlte sich weich und wohl.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages versammelten sich die Frauen am Strand.

Es war sonnig, aber ziemlich kalt. Das Wasser hatte 11°C. Die Wellen liefen unermüdlich auf den Strand zu. Sie schäumten aufgebracht, offenbar, weil es ihnen nicht gelang, wirklich anzukommen. Frau Rosa fröstelte.

Die Chefin rief zum Anbaden. Einige der Frauen versuchten sich zu erwehren, auch Ihre Freundin maulte, aber es nutzte nichts. Wenn die Dynamik erstmal läuft…

Alle Frauen rannten nackt und kreischend ins Meer. Frau Rosas Gedanke rutschte weg und versank mit aufgerissenen Augen im Meer. Es war eiskalt! Im Grunde starb sofort jeder Körperteil ab, der mit dem Wasser in Berührung kam. Die Frauen kreischten dieses Stressmoment einfach weg.
Danach fühlte sich Frau Rosa seltsam befreit. Sie dachte an nichts mehr. Also auch eine Form des: zu sich Kommens. Als sie ihren Gedanken suchte, schlief dieser ruhig und entspannt in ihrer Rocktasche. Alles gut!

Die Gruppe saß im Kreis, alle hatten nach dem Abtrocknen nur ihre Röcke oder Hosen angezogen. Die Brüste blieben nackt. Frau Rosa war etwas beschämt, aber niemand schien auf ihre doch recht kleine, hängende Brust zu achten. Sie wiegten sich und sangen.

Am Vorabend war die Chefin noch durch die Zimmer gekommen und hatte einen Text ausgeteilt. „Schaut euch das an, lasst es wirken und lernt es bitte bis morgen.“ Es war ein Kanon.

„Wir sind Kinder einer Erde. Wir gehören alle zur selben Herde. Uhuhu…
Wir bestimmen, was daraus werde. Wir entscheiden, über die Erde. Uhuhuh…“

Die Chefin schlug eine warme Trommel dazu. Der Wind trug den Gesang und den Trommelschlag lau über das Meer. Die Wellen schienen besänftigt.

Der Kanon gab eine gewisse Ordnung vor: wer beginnt wann mit den Zeilen, so dass eine Mehrstimmigkeit entsteht und sich wie eine organische Substanz anfühlt. Interessant war, wie unterschiedlich streng diese Ordnung genommen wurde, dass auch aus der vermeintlichen Unordnung eindrucksvolle Klänge entstanden.

Und dann waren die drei Tage wie im Flug vergangen.

Frau Rosa nahm viele Impulse und Geschichten mit.

Am Eindrucksvollsten war allerdings ihr kleiner, zarter Gedanke, gütig und trotzdem bestimmt. „Hast du die Frauen gesehen? Jede hat ihre eigene Wirklichkeit. Also, alles was passiert, wird ganz unterschiedlich wahrgenommen… Das hat mit individuellen Erfahrungen, Bildern und Assoziationen zu tun… Und daraus ergeben sich viele Sichtweisen und Wahrheiten. Der Mensch kann doch, zumindest in unseren Breitengraden, selbstwirksam sein. Du bist also selber dafür zuständig. Du darfst dir DEINE Haltung entwickeln und diese mit allem Für und Wider verantworten. Wenn das mal kein Geschenk ist.“

Ein sehr solider Gedanke. Nun es war gut, dass sie gerade diesen mitgenommen hatte. Sie fühlte sich gemäß dem Motto: voller Luft und Liebe.

Autorin: Aline Kramer

Lust

ALT=“Parkplatzschild mit kleiner gezeichneter Figur, die entspannt im Himmel"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – LUST (MAI 2016)

Und neulich …
hatte Frau Rosa keine Lust mehr. Sie war einfach abhandengekommen.
Wahrscheinlich war sie in der Mittagspause verschwunden, hatte den 13Uhr Zug genommen und war ins Blaue gefahren.

Ging DAS also wieder los.

Für Frau Rosa war es nicht neu, dass Ihre Lust einfach so verschwand, ohne Vorwarnung. Sie blieb unterschiedlich lange weg. Meist bekam Frau Rosa nicht heraus, wo sie war. Früher wusste sie nicht einmal, warum sie so plötzlich fort war.

Einst war es ihr gelungen, die Lust zu überlisten. Damals tat sie einfach so, als hätte sie Freude an der Präsentation und plötzlich ging es ihr irgendwie leichter von der Hand, die Zeit verflog nahezu.
Das war noch während des BWL Studiums, welches sie später abbrach. Dieses Studienfach war einfach nicht ihre Sache. Frau Rosa verstand zwar all die Zusammenhänge, aber ein Professor brachte es auf den Punkt: „Sie denken falsch.“ sagte er. „Sie denken sozial. Hier geht es aber um Wirtschaft, verstehen Sie?“ Ja – das verstand sie.

Wenn sie so darüber nachdachte wurde ihr klar, dass ihr Denken, Ihre Einstellung also die Ergebnisse beeinflusste.

Logisch! Also auch das „so tun als wenn“ oder das vortäuschen von Interesse konnte die Lust etwas länger bei Laune halten.

Oder ein anderes Mal. Das war in der Zeit als Frau Rosa noch ganztags als Sachbearbeiterin tätig war. Sie saß im Büro, die Lust schlenderte fast unsichtbar an der Wand entlang, gerade wollte sie zur Tür raus flattern, da erwischte Frau Rosa sie noch am Rockzipfel. Sie führten ein langes Gespräch. Die Lust erzählte ihr von der Anspannung, dem Stress und wie ihr Hals dick wurde. Sie bekam offensichtlich Rückenschmerzen und steife Beine vom vielen Sitzen, außerdem beklagte sie, den ganzen Tag in den Bildschirm starren zu müssen. Ja, ihr Blick sah wirklich etwas getrübt aus. Sie überlegten recht lang, welche Verbesserungsmaßnahmen der Lust das Leben leichter machen konnten.

Damals versprach Frau Rosa inne zu halten. Sie wollte Pausen machen, einfach mal atmen und mehr trinken. Aber vor allem wollte sie sich um eine Arbeit oder Aufgaben kümmern, die Freude und Erfüllung brachten.
Die Lust glaubte ihr und sie hatten eine gute Zeit.

In den folgenden Monaten entdeckte Frau Rosa ihre Leidenschaft für Inneneinrichtung wieder. Sie hatte schon immer einen ganz guten Sinn für Stil und es bereitete ihr Freude die Wohnung herzurichten. Sie mochte Deko, aber es durfte nie zu viel sein. Es musste gefühlt zum Entdecken anregen, irgendwie unfertig wirken und sollte trotzdem etwas Sachliches, Klares haben. Sie las viel über gesundes Wohnen, Ausmisten und Ordnen. Schließlich machte Sie eine Ausbildung zur Feng-Shui Beraterin.
Ihre Lust schwebte während dieser Zeit in wahrer Wonne. Auch Frau Rosa war glücklicher und sortierter in allem was sie so dachte, tat und sagte.

In ihrer Firma hatte sie einen Teilzeitvertrag ausgehandelt und konnte sich so um ihre Ausbildung kümmern. Sie schaffte es in recht kurzer Zeit, andere Menschen für ihre neuen Themen rund ums „Wohnen“ zu begeistern.

Erst arbeitete Frau Rosa für einen sehr geringen Stundensatz, aber mit den Aktivitäten potenzierten sich auch die Einnahmen.
Dass sie so heftig in Fahrt kam, merkte sie zu Beginn gar nicht. Nur, dass es anstrengender wurde. Sie musste sich in ihrer Selbständigkeit um alles kümmern: Marketing, Netzwerke, Qualität, Finanzen und, und, und…

Und dann verschwand die Lust, immer häufiger.

Frau Rosa hatte mit der Zeit verstanden, dass es einen Zusammenhang gab, zwischen ihrer Art zu Denken und ihren Handlungen. Auch wenn es noch nicht immer gut gelang, war ihr doch klar, dass sie selbst die Dinge und Situationen beeinflussen konnte.

Sie konnte nun anders damit umgehen. Also nutzte sie die Zeit, in der die Lust unterwegs war. Beim Mittag sortierte sie ihre motivierenden Gedanken:
-Worum es ihr eigentlich ging?
-Wie es damals zu der Entscheidung kam, mit den Stunden runterzugehen?
-Wie und wieviel Raum konnte, durfte und musste sie sich nehmen? und
-Was sie wirklich wollte?

Später am Tag saß die Lust wieder da, als wäre nichts passiert. Diesmal hatte Frau Rosa die Kurve gekriegt.

 

Autorin: Aline Kramer

Austausch

ALT=“kleines Mädchen mit Lederhose und rundem Gedanken auf der Schulter"ALT=“kleines Mädchen mit Lederhose und rundem Gedanken auf der Schulter"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – AUSTAUSCH (APRIL 2016)

Und neulich…
suchte Frau Rosa Austausch. War, wie man heute so schön sagt, im Sinne der Vernetzung unterwegs. Sie hatte das erst Mal in ihrem Leben ein Blind Date. Obwohl es so blind ja nicht war, ein Foto hatte sie schon gesehen.

Also ein Gesicht, ein nordeuropäisches Gesicht: diese Frau war, wenn man die Welt mal global betrachtet, aus derselben Ecke wie sie. Vielleicht aus der gleichen Stadt mit ganz
ähnlicher Sozialisation? Könnte aber auch slawische Wurzeln haben, wer weiß das schon.

Ein Gesicht mittleren Alters.
Es könnte also sein, dass auch sie als kleines Mädchen durch die Straßen und Höfe getigert ist, in Lederhose mit 20 Pfennig im Latz für einen nötigen Anruf aus der Telefonzelle. Frau Rosa war als Mädchen am liebsten im Stadtpark unterwegs, hatte Höhlen gebaut und dort Fantasien gelebt. 18:00 Uhr war es damit vorbei, beim Läuten der Kirchenglocken, hieß es „ab nach Hause“ und in die Wirklichkeit.

Das Foto: ein höfliches, argloses Gesicht, grün im Hintergrund, vielleicht naturverbunden, jedenfalls ansprechend. Welche Geschichten würde diese Frau erzählen können?

Frau Rosa ging neben ihrer Büroanstellung, stundenweise einer selbstständigen Tätigkeit nach und musste sich einen eigenen Kollegenkreis aufbauen. Dafür war dieses Treffen ausgelegt. In welcher Rolle würde sie dorthin gehen, als vermeintliche Kollegin oder als Privatmensch Frau Rosa? Und welche Rolle spielten eigentlich Einstellungen zum Leben und die Weltanschauung? Wie wichtig war es für eine erste Begegnung hier klar zu sein?

Mittags verabreden auf einen Kaffee, ungezwungen, was kann schon passieren?

Auf dem Weg überlegte Sie, wie das Treffen wohl verlaufen würde?

Ein kleiner, runder Gedanke machte sich auf ihrer Schulter breit: „Ihr habt kein Codewort ausgemacht. Wirst du das Gesicht überhaupt erkennen?“ Frau Rosa wurde nervös. In Natur, waren Gesichter oft ganz anders. Da sprach dann das echte Leben. Es sagte: ich bin bedürftig oder unglücklich oder dauerhaft verdrossen oder arrogant oder anmaßend. Das hatte sie schon manchmal erlebt und war immer wieder erschrocken. Also ist nur ein Foto doch ziemlich blind oder zumindest unklar. Wie wichtig doch der direkte Kontakt war, die Stimme, die Körpersprache.

Der Gedanke bohrte, löste Unbehagen aus: „Was, wenn die Frau unsympathisch ist?“ Das ihr Körper schnell Signale für eine Entscheidung sendete, kannte Frau Rosa nur zu gut. „Wie viel Zeit würdest du dir geben, falls das erste Bauchgefühl ungut ist?“ Der Gedanke dehnte sich aus. Wie ein Tuch lag er nun über ihrer Schulter. „Schaff` dir doch Sicherheit. Welche Fragen musst du stellen? Wie genau willst du dich abgrenzen, Frau Rosa? Was würdest du sagen, wenn du vorzeitig gehen wollen würdest?“ Der Gedanke war nun erträglicher, streckte sich und ließ etwas Luft an ihren Nacken. „Vielleicht wird es ja ein echter Austausch. Was würdest du tauschen wollen? Wie wertvoll müsste das sein? Und bekämst du was zurück? … Brauchst du was zurück?“

Als sie sich von Ihrer Gesprächspartnerin verabschiedete, war etwas entstanden.

Frau Rosa hatte einen Menschen kennen gelernt. Eine Frau schlank und sportlich gekleidet, mit braunen langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte einen schmalen Mund, der nicht so recht zu den Proportionen des Gesichtes passen wollte. Wenn er sich öffnete, kam zu Beginn immer ein kleines Zischen heraus, als wenn erst genug Raum für die Worte bereitet werden musste.
Im Wesen schien die Frau offen, freundlich und zugleich voller Zweifel zu sein, mit vielen Ideen im Kopf, ganz eigenständig, irgendwie erwachsen. Ein gutes Gespräch war entstanden, auf Augenhöhe von gegenseitigem Interesse geprägt.

Frau Rosa hatte ein kleines Stück Haltung erworben. Sie hatten sich über ihre Lebenswege und die Arbeit ausgetauscht. Im Bewusstsein auf einem guten Weg zu sein, wurde Frau Rosa bestärkt.

Während des Gespräches hatte sich Frau Rosa genau beobachten können und eine kleine Wiederentdeckung gemacht. Normalerweise gab Sie gern, ohne Neid und ohne Missgunst. Dennoch waren fast eifersüchtige Gefühle aufgekommen, als sie sich mit der Frage beschäftigte, eine bestimmte Information zu tauschen. Das kannte sie von früher, als sie Schülerin war. Ja! Wissen ist Macht. Es kostete sie Überwindung mit der Information rauszurücken, doch sie hätte sich schlecht und egoistisch gefühlt, es nicht zu tun. Der Inhalt dieser Information gehörte nicht ihr allein.
Ihre Gesprächspartnerin war sympathisch und der Tipp würde bestimmt auch für sie hilfreich sein. Am Ende war die Reaktion eine andere: distanziert, abwartend, zu wenig begeistert. Frau Rosa schoss das Blut in den Kopf, sie spürte Scham in sich aufkommen, war enttäuscht, wie pauschaliert sie gedacht hatte.

Auf dem Heimweg kam der kleine, runde Gedanke aus ihrer Handtasche geglitten: „Etwas, was du als wertvoll erachtest, muss für andere lange nicht diesen Wert haben. Du musst wissen, welche Werte DU vertrittst und welchen Wert DU hast, dir DEINER SELBST bewusst sein.“ Dieser kleine, beständige Gedanke war ambivalent. Er konnte sie permanent unter Druck setzen und stellte sie auf die Probe. An anderer Stelle ließ er sie Oberwasser bekommen. Erst mit den Jahren konnte sich Frau Rosa besser einordnen, fühlte sich etwas sicherer.

Letztlich hatte das Treffen diesen Gedanken hervorgebracht. Sie konnte sich hinterfragen, das war immer gut.
Und auch wenn sie es nicht wirklich brauchte… Es kam immer was zurück, wenn sie etwas gegeben hatte. In diesem Fall, war es ein Stück Geschichte, an der sie teilhaben und in die sie mit hineindurfte.

Und da Frau Rosa Menschen und Ihre Geschichten mochte, war das mehr als viel.

Autorin: Aline Kramer