Sichtweisen

ALT=“Ostseestrand mit kleinem hüpfenden Mädchen"

GEDANKEN DER FRAU ROSA – SICHTWEISEN (JUNI 2016)

Und neulich….

hatte sich Frau Rosa angemeldet. Sie hatte einige Bedenken und tat es nur Ihrer Freundin zuliebe. Diese bettelte schon zwei Jahre. Sie kannten sich seit ihrem BWL Studium, hatten eine Menge gemeinsam erlebt und eine recht innige Beziehung. Also konnte Frau Rosa ihr den Gefallen tun.

Ihre Freundin hatte, im Gegenteil zu Frau Rosa, das Studium beendet und arbeitete nun bei einem großen Automobilhersteller. Seit einer ganzen Weile beschäftigte sie sich mit Meditation und war dort in einer Selbsterfahrungsgruppe mit anderen Frauen. „Das ist zum Ausgleich.“ pflegte sie zu sagen. Auf Frau Rosa wirkte sie nicht sonderlich ausgeglichener, aber das war ja ihre Sicht.

Nun hatte sich Frau Rosa angemeldet. Sie fuhr mit zur Wochenendmediationsreise an die Ostsee. 3 Tage. Das Motto war: „Mit Luft und Liebe“!
Wenn das Programm ihr nicht so sehr zusagte, konnte Frau Rosa immer noch am Strand wandeln, atmen und den Kopf frei kriegen. So ihr Gedanke, den Sie auf diese Reise mitzunehmen gedachte. Es war einer ihrer entspanntesten Gedanken. Er war hübsch anzusehen, bescheiden, zierlich, mit einem versonnenen Lächeln auf den Lippen, im Grunde eher zurückhaltend und dennoch solide.

Als Frau Rosa mit ihrer Freundin in dem kleinen Küstenort ankam, fühlte sich alles richtig an. Das Wetter war rau, dennoch nicht kalt, die Luft klar und salzig – also ganz ausgezeichnet.

Sie trafen die anderen Frauen im Aufenthaltsraum. Insgesamt waren sie zehn Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Frau Rosa und 2 andere Frauen waren das erste Mal dabei. Das Programm schien recht straff. Kurz frisch machen, dann eine erste Interaktion zum Ankommen und Kennenlernen. Durch die Hektik vergaß sie ihren Gedanken in der Unterkunft.

Am Strand warfen sie sich einen Ball zu und mussten den Namen der Fängerin benennen. Frau Rosa hörte leider schwer und hatte außerdem schon immer Angst vor Bällen. Durch den Wind hatte sie nicht alle Namen verstanden. Das machte ihr Stress und sie war froh, als das Spiel vorüber war. Eine rothaarige Frau mittleren Alters war die Chefin und erzählte etwas von Luft und Liebe und wie die Elemente zusammenhingen. Und dass die Liebe ihr fünftes Element war. Frau Rosa musste gleich an Leeloo aus dem Film „das fünfte Element“ denken. Ja, sie hätte die Tochter der Chefin des Kurses sein können.

Nun wurde gewandert. Oder nein, die Aktion hieß „Gefühlsbewegung“. Zur Sicherheit holte Frau Rosa ihren Gedanken, bevor sie zum Strandgang aufbrachen. Sie liefen bis zum Abend und redeten über dies und das. Frau Rosa fand es interessant, die Geschichten der Frauen zu hören.

Eine erzählte von ihrer Trennung. Offensichtlich glich diese Trennung einem Befreiungsschlag, denn die Frau lies kein gutes Haar an ihrem Ex. Frau Rosa hatte mal gelesen, dass es kaum möglich war, dass nur einer die Verantwortung für das Scheitern von Beziehungen haben konnte. Der Gedanke tat sanft hinzu: „Alles hängt doch wohl zusammen und jeder tut das seine oder ihre dazu. Es ist eine Frage der Sichtweise.“ Ein kluger Gedanke, den Frau Rosa allerdings lieber für sich behielt.

Eine andere Frau erzählte von einer neuen Kollegin und wie schwer es sei, diese Kollegin anzunehmen. Sie sprachen über Vielseitigkeit und wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen wurden. Die Chefin fand, dass es wichtig sei, eine Willkommenskultur zu entwickeln.

Hier in der Gruppe fühlte sich Frau Rosa recht willkommen. Es ging ja um „Gefühlsbewegungen“ und die hatte sie. Ihr Gedanke fühlte sich weich und wohl.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages versammelten sich die Frauen am Strand.

Es war sonnig, aber ziemlich kalt. Das Wasser hatte 11°C. Die Wellen liefen unermüdlich auf den Strand zu. Sie schäumten aufgebracht, offenbar, weil es ihnen nicht gelang, wirklich anzukommen. Frau Rosa fröstelte.

Die Chefin rief zum Anbaden. Einige der Frauen versuchten sich zu erwehren, auch Ihre Freundin maulte, aber es nutzte nichts. Wenn die Dynamik erstmal läuft…

Alle Frauen rannten nackt und kreischend ins Meer. Frau Rosas Gedanke rutschte weg und versank mit aufgerissenen Augen im Meer. Es war eiskalt! Im Grunde starb sofort jeder Körperteil ab, der mit dem Wasser in Berührung kam. Die Frauen kreischten dieses Stressmoment einfach weg.
Danach fühlte sich Frau Rosa seltsam befreit. Sie dachte an nichts mehr. Also auch eine Form des: zu sich Kommens. Als sie ihren Gedanken suchte, schlief dieser ruhig und entspannt in ihrer Rocktasche. Alles gut!

Die Gruppe saß im Kreis, alle hatten nach dem Abtrocknen nur ihre Röcke oder Hosen angezogen. Die Brüste blieben nackt. Frau Rosa war etwas beschämt, aber niemand schien auf ihre doch recht kleine, hängende Brust zu achten. Sie wiegten sich und sangen.

Am Vorabend war die Chefin noch durch die Zimmer gekommen und hatte einen Text ausgeteilt. „Schaut euch das an, lasst es wirken und lernt es bitte bis morgen.“ Es war ein Kanon.

„Wir sind Kinder einer Erde. Wir gehören alle zur selben Herde. Uhuhu…
Wir bestimmen, was daraus werde. Wir entscheiden, über die Erde. Uhuhuh…“

Die Chefin schlug eine warme Trommel dazu. Der Wind trug den Gesang und den Trommelschlag lau über das Meer. Die Wellen schienen besänftigt.

Der Kanon gab eine gewisse Ordnung vor: wer beginnt wann mit den Zeilen, so dass eine Mehrstimmigkeit entsteht und sich wie eine organische Substanz anfühlt. Interessant war, wie unterschiedlich streng diese Ordnung genommen wurde, dass auch aus der vermeintlichen Unordnung eindrucksvolle Klänge entstanden.

Und dann waren die drei Tage wie im Flug vergangen.

Frau Rosa nahm viele Impulse und Geschichten mit.

Am Eindrucksvollsten war allerdings ihr kleiner, zarter Gedanke, gütig und trotzdem bestimmt. „Hast du die Frauen gesehen? Jede hat ihre eigene Wirklichkeit. Also, alles was passiert, wird ganz unterschiedlich wahrgenommen… Das hat mit individuellen Erfahrungen, Bildern und Assoziationen zu tun… Und daraus ergeben sich viele Sichtweisen und Wahrheiten. Der Mensch kann doch, zumindest in unseren Breitengraden, selbstwirksam sein. Du bist also selber dafür zuständig. Du darfst dir DEINE Haltung entwickeln und diese mit allem Für und Wider verantworten. Wenn das mal kein Geschenk ist.“

Ein sehr solider Gedanke. Nun es war gut, dass sie gerade diesen mitgenommen hatte. Sie fühlte sich gemäß dem Motto: voller Luft und Liebe.

Autorin: Aline Kramer